China: Ritterschlag von MSCI

Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner / Foto: © Dr. Lux & Präuner

Vier Jahre hat es gedauert, doch nun ist ein historischer Schritt vollzogen: Aktien aus der Volksrepublik steigen in den viel beachteten MSCI-Index für Schwellenländer auf. Der Schritt ist ein Ritterschlag für das Land und unterstreicht Pekings Anspruch als globale Finanzmacht.

Über Jahrzehnte hatte die zweitgrößte Volkswirtschaft ihre Finanzmärkte von der Welt abgeschottet. Doch seit Peking zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, will das Land auch in globalen Geldgeschäften zur Supermacht werden. Im vergangenen Oktober wurde die chinesische Währung in den Elite-Klub der globalen Leitwährungen des Internationalen Währungsfonds aufgenommen. Jetzt feiern Chinas Börsen mit der MSCI-Entscheidung ebenfalls einen Etappensieg in ihrer Globalisierungsstrategie.

Bisher hat der MSCI Emerging Markets nicht die wirtschaftliche Macht Chinas widergespiegelt. Die Entscheidung von MSCI über die Aufnahme der ursprünglich nur Inlandschinesen zugänglichen A-Aktien ist für die Anlageklasse von hoher Bedeutung und gleichzeitig die Anerkennung der Bemühungen Chinas, den heimischen Aktienmarkt für ausländische Investoren zu öffnen. Die Börsen in Shenzhen und Shanghai sind im vergangenen Jahr für knapp ein Viertel des weltweiten Börsenumsatzes verantwortlich gewesen.

Der Beschluss von MSCI markiert einen Meilenstein für die Glaubwürdigkeit chinesischer A-Shares und könnte zu einer weiteren Entwicklung des Inlandsaktienmarktes führen, neue internationale Anleger anziehen und die Liquidität des Marktes erhöhen. Dennoch sollten Anleger jetzt nicht überstürzt einsteigen. Drei Gründe sprechen gegen vermeintlich leicht zu verdienendes Geld mit A-Aktien:

  1. Die Experten erwarten zwar positive Effekte für die chinesischen Festlandaktien, aber eher auf lange Sicht. Die Allokation der A-Shares in den Benchmarks wird zunächst winzig sein und nur langsam wachsen. Und selbst dann wird die Umsetzung ein Jahr benötigen. Derzeit verwalten Schwellenländerfonds weltweit 835 Milliarden US-Dollar Anlagevermögen. Da nicht alle davon passiv dem MSCI Emerging Markets folgen, ist schwierig abzuschätzen, wie viel Kapital tatsächlich in A-Aktien umgelenkt wird, sobald sie Teil der Messlatte sind. Auf Sicht von zehn Jahren allerdings könnte der Anteil der A-Aktien die Quote der bereits enthaltenen H-Aktien aus Hongkong erreichen – und damit die Gewichtung Chinas im MSCI Emerging Markets auf über 40 Prozent verdoppeln. Langfristig trauen US-Investmentbanker dem Shanghaier A-Aktien-Leitindex deshalb rund 20 Prozent Aufwärtspotenzial zu.
  2. Es wurde die nun verkündete Index-Aufnahme an den Börsen teilweise bereits eingepreist. Internationale Anleger haben schon in den vergangenen Wochen auf die Benchmark-Anpassung gesetzt und massiv A-Aktien gekauft: Über das sogenannte „Shenzhen-Hongkong Stock Connect“ Programm, das die beiden Handelsplätze verbindet, haben Investoren außerhalb Chinas im Mai netto A-Aktien im Wert von 2,9 Milliarden USD erworben. Laut Daten des Informationsdienstes Bloomberg entspricht das einem Plus von 56 Prozent zum Vormonat. Die schon im Vorfeld als Aufnahmekandidaten gehandelten Aktien gehören allesamt zu den Blue Chips, die mit Hilfe des Connect-Programms auch für Ausländer zugänglich sind.
  3. Was gegen rasante Kurszuwächse bei A-Aktien trotz der beschlossenen Index-Aufnahme spricht: die Anpassung des MSCI Emerging Markets wird nicht sofort erfolgen, sondern in zwei Schritten zum Mai und zum August 2018 umgesetzt werden. Doch bis dahin kann die weltweite Börsenhausse an ihre Grenzen gestoßen sein und die aktuelle Kauflaune der Anleger verfliegen, vor allem aufgrund der straffer werdenden US-Geldpolitik, die zuvor mehr als acht Jahre lang nicht nur an der richtungsweisenden Wall Street maßgeblich die Aktienkurse nach oben getrieben hat.

Kolumne von Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG in München