China in der Zwickmühle

Nach den Neujahrsfeiern im Westen ist schnell Katerstimmung aufgekommen. Grund dafür waren Sorgen um China, wo der Aktienmarkt das neue Jahr 2016 mit Verlusten eingeläutet und andere Börsen weltweit mit nach unten gezogen hat.

Der Einbruch um 7% am chinesischen Markt für A-Aktien am 4. Januar ließ das neue System der Handelsunterbrechungen in China aktiv werden. Dadurch wurde bereits am ersten Börsentag des neuen Jahres der Handel ausgesetzt. Gleichzeitig traf die Regierung zu Maßnahmen, um den Aktienmarkt zu stützen.

An dem Abverkauf waren sowohl Privatanleger als auch Großaktionäre beteiligt und zwar insbesondere Führungskräfte, die Aktien ihrer eigenen Unternehmen hielten. Um die Panik am Markt abzuschwächen, hat daher die chinesische Regierung das Volumen solcher Verkäufe beschränkt: Das staatliche Regulierungsorgan (China Securities Regulatory Commission) gab die Einführung einer Obergrenze bekannt, nach der bedeutende Anleger höchstens 1% der Aktien eines Unternehmens verkaufen dürfen. Diese Regelung soll am 9. Januar in Kraft treten und für drei Monate gelten. Die allgemeine Marktpsychologie war zuletzt aus mehreren Gründen ungünstig. Ein Grund war die Abwertung der chinesischen Währung Renminbi (RMB), die dazu führte, dass Anleger auf den RMB lautende Vermögenswerte, wie beispielsweise an der chinesischen Börse notierte Aktien, abstießen. Hinzu kam die Sorge, dass sich die Entscheidung der US-Notenbank (Fed), die Zinsen zu erhöhen, negativ auf andere Volkswirtschaften auswirken könnte. Ob in den USA weitere Zinsschritte folgen, ist derzeit nach wie vor zwar etwas ungewiss, jedoch werden allgemein weitere Anhebungen erwartet.

Es ist offensichtlich, dass viele Anleger momentan besorgt sind. Unserer Ansicht nach gibt es keinen Zweifel daran, dass China auch in diesem Jahr ein starkes Wachstum verzeichnen wird. Zugleich befindet sich das Land jedoch gewissermaßen in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite will die Regierung für Stabilität sorgen, auf der anderen Seite strebt sie eine Öffnung an. Dies könnte in diesem Jahr eine höhere Volatilität am chinesischen Markt auslösen, weil die beiden entgegengesetzten Kräfte ihre Wirkung entfalten.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, daran zu erinnern, dass China eine Planwirtschaft hat. Ich glaube, das wird häufig vergessen, wenn sich Anleger über mögliche Bankpleiten, übermäßige Verschuldung und andere Worst-Case-Szenarien Gedanken machen. Letztlich gibt die Kommunistische Partei (also der Staat) die Richtung der Wirtschaft vor, und wir meinen, dass sie durchaus in der Lage ist, die richtigen Maßnahmen zu treffen, um ihre Ziele zu erreichen. Allerdings wird es mit Blick auf die Zukunft für die chinesische Regierung schwierig werden, die Kontrolle aufrechtzuhalten, wenn sie eine wirtschaftliche Öffnung des Landes anstrebt. Es ist offensichtlich, dass China seine Wirtschaft und insbesondere seine Währung liberalisieren will. Dies dürfte in mehreren Schritten und sehr vorsichtig geschehen, um die angestrebte Stabilität nicht zu gefährden. Jeder, der die Ziele Chinas – und deren potenzielle Bedeutung für den Markt – verstehen möchte, sollte die zehn Punkte des Plenums lesen, die die Richtung der Wirtschaft skizzieren. Manche Branchen werden neu organisiert werden und manche an Bedeutung verlieren. Uns scheint die Richtung des Lands jedoch klar zu sein – sie führt zu einer offeneren und stärker marktorientierten Wirtschaft, die sich an die internationalen Kapitalströme anpasst und deren Währung, der Renminbi, nicht nur eine Reservewährung ist, sondern auch eine bedeutende internationale Handelswährung.

Wir halten es für wahrscheinlich, dass die zu Beginn des Jahres beobachtete Volatilität anhalten wird – und zwar nicht nur in China. An vielen Märkten nehmen die Schwankungen zu, und die Anleger werden lernen müssen, damit zu leben. Für uns bieten Zeiträume mit erhöhter Volatilität aber gute Kaufgelegenheiten – sie geben uns die Möglichkeit, Aktien zu kaufen, die unserer Ansicht nach ungerechtfertigt abgestraft wurden. Dabei ist uns völlig bewusst, dass solche Bedingungen schwierig für Anleger sind, die Volatilität fürchten. Im Fall von China steht die Regierung vor dem Balanceakt, auf der einen Seite Stabilität zu gewährleisten und auf der anderen Seite einen freieren Markt zuzulassen.

Dessen ungeachtet machen wir uns aber keine übermäßigen Sorgen um das chinesische Wachstum oder um die langfristigen Aussichten für Kapitalanlagen in dem Land. Die aktuellen Prognosen von rund 6% BIP-Wachstum[1] im Jahr 2016 halten wir für relativ ambitioniert, wenn man sich vor Augen hält, dass die chinesische Wirtschaft auf Dollarbasis heute weitaus größer ist als vor einigen Jahren. Damals wuchs die Wirtschaft zwar schneller, jedoch von einer niedrigeren Basis aus. Dies ist ein weiterer Aspekt, den Anleger möglicherweise übersehen, wenn sie langsameres Wachstum beobachten (siehe Abbildung unten). Wir stufen die Fundamentaldaten für China nach wie vor als hervorragend ein. Die chinesische Volkswirtschaft ist trotz der Verlangsamung eine der am schnellsten wachsenden der Welt.

010616 China GDP Nominal de DE

Wir suchen weiterhin nach Anlagechancen in China und sind zuversichtlich in Bezug auf die langfristige Wachstumsstory, die wir uns von der geplanten Umstellung von einer exportorientierten hin zu einer stärker auf den Binnenmarkt ausgerichteten Wirtschaft erwarten. Gleichzeitig durchläuft China einen dramatischen Übergang von einer ländlichen Gesellschaft zu einer eher städtisch geprägten.

Autor: Mark Mobius, Chairman der Templeton Emerging Markets Group