Cash hoch, Aktien runter

Gareth Gettinby - Foto: © Aegon AM

Der Herbst ist mit Wucht da. Zumindest an den Kapitalmärkten kein neues Phänomen, denn hier erleben wir 2022 sowieso schon ein sehr tristes Jahr mit deutlichen Verlusten. Wie geht es weiter? Gareth Gettinby, Investment Manager Multi Asset & Solutions bei Aegon Asset Management, im finanzwelt-Interview.

finanzwelt: Nach Ihrer Ansicht, wie wird sich das Geschehen auf dem Kapitalmarkt im vierten Quartal entwickeln?
Gareth Gettinby:
Die Finanzmärkte befinden sich nach wie vor in einer schwierigen Lage. Während die Positionierung in Risikoanlagen extrem hoch ist, überrascht die Inflation nach wie vor positiv. Die Zentralbanken versuchen mit kräftigen Zinserhöhungen, die Inflation einzudämmen. Dies stellt ein schwieriges Szenario für Risikoanlagen dar, da sich die finanziellen Bedingungen verschärfen.

finanzwelt: Inflation, Rezession – beherrschende Themen im zweiten Halbjahr 2022. Bedeutet das für Anleger, die „Füße still zu halten“ oder sollten sie eher ihre Anlagestrategien bald anpassen?
Gettinby:
In einer Zeit höherer Zinsen und strafferer monetärer Bedingungen wird dies die Bewertungen der meisten Finanzanlagen weiterhin in Frage stellen. Es ist daher sinnvoll, mehr Bargeld als defensiven Vermögenswert zu halten.  Ein höherer Bargeldbestand bietet auch die Möglichkeit, in der Zukunft Vermögenswerte zu niedrigen Kursen zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Der Schutz für Anleger liegt in kurzlaufenden Krediten und USD-Bargeld.

Rohstoffe werden im Allgemeinen als gute Inflationsabsicherung angesehen, haben jedoch im bisherigen Jahresverlauf eine starke Performance gezeigt – hier wäre eine Reduzierung angebracht, da die Zerstörung der Nachfrage die Preise vieler Rohstoffe belasten wird.

finanzwelt: Was bedeutet die aktuelle Lage für Multi-Asset-Portfolios? (mit Blick auf Gegenwind für Anleihen und Aktien)
Gettinby:
Da Barmittel im bisherigen Jahresverlauf zu den Anlagen mit der besten Performance gehören, sollten Multi-Asset-Portfolios den Schwerpunkt auf die Begrenzung von Drawdowns legen. Viele Multi-Asset-Portfolios profitieren davon, dass sie benchmarkunabhängig sind und somit in die gesamte Bandbreite von Anlageklassen, einschließlich Währungen, investieren können.

In unseren Multi-Asset-Portfolios haben wir in den letzten Monaten den Cash-Bestand erhöht und die Stärke des Aktienmarktes im Sommer genutzt, um die Aktienallokationen zu reduzieren.

finanzwelt: Das Aktiensegment steht unter Verkaufsdruck. Welche Segmente/Aktien bzw. regionalen Schwerpunkte sind dennoch für die Krise „geeignet“?
Gettinby:
Aktien befinden sich weiterhin in einem fragilen Zustand, würden jedoch eine Mischung aus Qualitäts- und Ertragsstrategien gegenüber Wachstumswerten bevorzugen. Außerdem würden wir das Vereinigte Königreich, Japan und die Eurozone gegenüber den USA und asiatischen Schwellenländern bevorzugen, insbesondere Large-Cap-Aktien, da diese aufgrund ihres internationalen Engagements von einer schwachen Währung profitieren werden.

Die Anleger sollten erneuerbare Energien bevorzugen, insbesondere solche, die sich auf die Reduzierung der Kohlenstoffemissionen konzentrieren. Mit dem Inflation Reduction Act von 2022 hat sich die Klimapolitik gewandelt. Die Senkung der Energiekosten und der Kohlenstoffemissionen durch die Förderung von Investitionen in sauberere Energie und Elektrofahrzeuge hat oberste Priorität, und Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien werden zu den Hauptnutznießern gehören.

Infrastrukturanlagen sind attraktiv, da sie häufig von vertraglich oder regulatorisch abgesicherten Cashflow-Strömen profitieren, die direkt an die Inflation gekoppelt sind.

finanzwelt: Welche positiven Signale könnten den aktuell düsteren Blick „aufhellen“?
Gettinby:
Gute Nachrichten kommen aus der Ukraine. Wenn die Kriegsprämie für Energie wegfällt, werden die Aktienmärkte stark anziehen, zumal die Positionierung am Markt sehr bearish gegenüber Aktien ist und die Anleger ihre Barmittel weiter erhöht haben.

Die Inflation ist weiterhin hoch, ein positives Signal für den Markt wäre ein starker Rückgang der Inflation. Plötzliche Änderungen in der Geldpolitik, sei es, dass die US-Notenbank früher als erwartet umschwenkt oder China überschüssige Liquidität zuführt. (ah)