„Brexit“ und Exit

Helmut Kurz

Nach der Entscheidung der Briten, die EU verlassen zu wollen, kam es nicht nur an den Kapitalmärkten zu Verwerfungen, sondern wie zum Hohn musste sich nun auch noch die englische Fußballmannschaft von der Europameisterschaft verabschieden.

Die Unsicherheit „Brexit ja oder nein?“, welche die Anleger die letzten Wochen geplagt hatte, ist zwar vorbei, aber neue Unwägbarkeiten tun sich auf: Es gibt keinen detaillierten Plan und keine Blaupause für das weitere Vorgehen auf dem Weg zu einer gütlichen Scheidung von der EU. Es ist genau diese neue Ungewissheit, wie es mit den Handelsbeziehungen und der Personenfreizügigkeit weitergehen wird, die nach dem Schock für das Establishment in London und Brüssel die Entscheider in den Unternehmen und an den Anlagemärkten in Atem hält und auch am Montag danach die Kurse nochmals auf Talfahrt schickte. Denn nun müssen in den nächsten beiden Jahren eine Menge an Regelungen getroffen werden, damit es zu beiderseitigem Nutzen weiter einen offenen Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen der EU und dem (noch) Vereinigten Königreich gibt.

Die eigentliche Gefahr liegt in den nun zunehmenden Fragen nach der Zukunft der EU insgesamt und dem damit verknüpften Schicksal des Euros. Weil es in vielen anderen europäischen Ländern auch Bestrebungen gibt, ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft durchzuführen, entsteht dann die Gefahr, dass ein Land auch aus dem Euroraum austreten wird mit völlig unabsehbaren Risiken gerade für die exportlastige deutsche Wirtschaft. Daran gemessen sind die Folgen des „Brexit“ geradezu vernachlässigbar, weil Großbritannien seine eigene Währung behalten hat.

Doch es gibt auch Chancen: Die Briten können sich nun zumindest von einem Teil der über einhunderttausend (!) EU-Verordnungen befreien und damit eine nützliche Entbürokratisierung der Wirtschaft beginnen.

Wie kann nun ein Anleger diese unsichere Phase nützen? Erstens zeigt sich an den in Europa seit Längerem zunehmenden politischen Unsicherheiten, wie wichtig es ist, global und vor allem in die Wachstumsregionen der Welt zu diversifizieren. Zweitens gibt es nun eine ganze Reihe von britischen Unternehmen, denen die Pfundabwertung helfen wird, ihre Gewinne zu verbessern. Deren Aktien sind nun Kaufkandidaten. Drittens gibt es Aktien, die nach der Austrittsentscheidung extrem abgestürzt sind im vorgezogenen „Sommerschlussverkauf“. Darunter sind besonders britische Finanzdienstleister und auf London fokussierte Bürovermieter, deren Kurse oft über ein Drittel ihres Wertes verloren haben.

 Kommentar von: Helmut Kurz, Bankhaus ELLWANGER & GEIGER KG