Anstieg der Volatilität in Europa

René Hermann

Obwohl weitläufig als letztes Aufbäumen der traditionell unbequemen und querdenkenden Inselbewohner abgetan, sehen wir in der Abstimmung vom 23. Juni 2016 einen historischen Meilenstein in der politischen Entwicklung der Europäischen Union.

Die Argumente der Gegner und Befürworter eines Brexit, also Selbstbestimmung versus möglichen negativen wirtschaftlichen Konsequenzen, schließen einander nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil, die vermeintlichen wirtschaftlichen Nachteile sind als Preis für die wiedergewonnene Selbstbestimmung zu betrachten. Einige europäische Staaten (zum Beispiel die Schweiz) haben bereits entschieden, dass es sich diesen zu bezahlen lohnt. Die Briten entscheiden letztlich, ob sie eben diesen Preis heute bezahlen wollen oder die Entscheidung vertagen. Europa hingegen täte gut daran, die vielfältigen Argumente und Bedenken im Rahmen der laufenden Debatte aufmerksam zu verfolgen und die notwendigen Schritte abzuleiten, denn nur so kann eine Kursänderung erreicht, Begeisterung für das europäische Projekt wieder entfacht und die drohende politische Krise abgewendet werden. Für Anleiheninvestoren bedeutet dies konkret, dass bei einem Brexit-Schock nicht nur mit kurzfristigem Druck auf die Währung und negativen Auswirkungen auf Vermögenswerte in Großbritannien (Aktien, Anleihen, Immobilien) zu rechnen ist, sondern aus Angst vor den möglichen Trittbrettfahrern auch mit einem schnellen Anstieg der Volatilität in Europa. Bei einem klaren Votum der Briten zum Verbleib in der EU auf der anderen Seite dürfte die anfängliche Erholungsrally jedoch auch nicht von Dauer sein. Wir erwarten, dass der notwendige Transformationsprozess der EU eine sehr holprige Fahrt wird und sich daher immer mal wieder ein Mitgliedstaat, sich oder seinen Bürgern im Rahmen eines Referendums die Frage stellen wird, ob der eingeschlagene Kurs noch der Richtige ist. Daher erwarten wir, dass auch nach einem unspektakulären Ausgang der Abstimmung in Großbritannien, mittel- bis langfristig die vermeintliche Ruhe und Einigkeit in Europa zukünftig vermehrt von Perioden hoher Volatilität überschattet sein wird.“

Kommentar von René Hermann, Independent Credit View AG

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