Brexit erhöht Kreditrisiken

Die Geister, welche die britische Politik rief, wird sie nun schwer wieder los. Das „Brexit“-Gespenst wirkt sich negativ auf die britische Zahlungsmoral aus und verunsichert aktuell deutsche Exporteure.

2016-03-23 (fw/db) Der mögliche „Brexit“ bereitet britischen Unternehmen sowie europäischen Exporteuren Sorgen, aber auch die sinkende Zahlungsmoral des Königreichs. Um 12 Prozent sind die britischen Zahlungsverzögerungen im 4. Quartal 2015 im Vergleich zum Vorquartal angestiegen laut einer Studie des führenden Kreditversicherers Euler Hermes, ein Tochterunternehmen der Allianz SE.

Einer von sechs Kunden zahlt nach Angaben der britischen Unternehmen für Services oder Waren, die sie bestellt haben, zu spät. Das ist deutlich mehr als in den Vorjahren (17 Prozent in 2015 und. 10 Prozent in 2014) und zieht sich über fast alle wichtigen Branchen in Großbritannien hinweg. Die durchschnittliche, um saisonale Effekte bereinigte Zahlungsmoral hat sich im Gesamtjahr 2015 um acht Prozent verschlechtert im Vergleich zu 2014 – im Jahr zuvor hatte sie sich noch um 11 Prozent verbessert.

Dominoeffekt auf Zahlungsmoral und Insolvenzen als Risiko

„Der finanzielle Druck auf britische Unternehmen wächst, auch wenn sie weiter auf Wachstum ausgerichtet sind. Dieses Phänomen beobachten wir derzeit in vielen wichtigen deutschen Exportmärkten, allen voran in den USA als wichtigstem Handelspartner sowie in China und nun auch in Großbritannien. Das zieht einen negativen Dominoeffekt mit sich. Weltweit erwarten wir 2016 erstmals wieder eine Trendwende und steigende Insolvenzen um ein Prozent. In Großbritannien steigen sie mit fünf Prozent sogar stärker als der weltweite Durchschnitt. Zusammen mit einem möglichen Brexit, über den die britische Bevölkerung im Juni abstimmen wird, sind Geschäfte mit britischen Firmen derzeit zum Teil mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Unternehmen sollten bei ihren Zahlungskonditionen vorsichtig sein, insbesondere bei neuen Verträgen oder Kunden“, sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Zahlungsmoral in Großbritannien sinkt

In 14 von 17 wichtigen Sektoren hat Euler Hermes mehr Zahlungsverzögerungen verzeichnet als im vergangenen Jahr. Im Metall- und Bausektor ist der Anstieg besonders hoch – mit 28 und 26 Prozent sind die Zahlungsverzögerungen 2015 um mehr als ein Viertel angestiegen. Gute Nachrichten gibt es nur aus der Automobil- und Elektronikbranche, in denen die Zahlungsmoral sich verbessert hat. Zahlungsverzögerungen nahmen um 12 beziehungsweise 15 Prozent ab.

Die Baubranche verzeichnete neben dem hohen Anstieg einen weiteren Negativrekord: Es gab insgesamt mehr Zahlungsverzögerungen als in jedem anderen Sektor. 31 Prozent aller gemeldeten Zahlungsvorfälle entfielen auf die Baubranche. Das ist nicht überraschend, da es bei Projekten durch Streitigkeiten häufiger zu Verzögerungen kommt. Der Anstieg ist jedoch erheblich und zeigt, dass viele Unternehmen unter den margenschwachen Verträgen leiden, die sie in der wirtschaftlichen Rezession bereits abgeschlossen haben. Hinzu kommen höhere Kapitalkosten und ein zunehmender Fachkräftemangel. Dies alles bringt die Zahlungskonditionen weiter unter Druck.

Seit 2013 analysiert Euler Hermes quartalsweise in einem „Overdue Payment Report“ gemeldete Zahlungsverzögerungen in den 17 wichtigsten Branchen in Großbritannien. Ausgewertet werden die täglichen Meldungen solcher Vorfälle der 250.000 britischen Versicherungskunden des Weltmarktführers. 2015 hat Euler Hermes mehr als 32.000 einzelne Zahlungsverzögerungen verzeichnet, die Kunden gemeldet haben. Als Zahlungsverzögerung werden dabei offene Forderungen gewertet, die zwei Monat nach dem vereinbarten Fälligkeitsdatum noch nicht bezahlt wurden. Diese Zahlungsverzögerungen oder „Zahlungsvorfälle“ enthalten entsprechend auch Nichtzahlungen, Zahlungsausfälle, Insolvenzen und sonstige Schadensmeldungen.

finanzwelt-Leserservice: Die Euler Hermes Studie „Brexit me if you can“ sowie Einschätzungen zu Auswirkungen eines „Brexit“ auf die dortigen Unternehmen finden Sie hier im Internet. Ein ausführliches Interview mit Euler Hermes Volkswirtin Ana Boata zum Thema „Brexit“ finden Leser und Nutzer im Allianz-Portal.

Dietmar Braun