Brasilien: Samba oder Zuckerrohrkrepierer?

Guido vom Schemm, Geschäftsführer GVS Financial Solutions GmbH / Foto: © GVS

In den letzten Wochen meldete sich Brasilien mit einem Paukenschlag zurück. Die mögliche Verwicklung von Präsident Michel Temer sorgte an den heimischen Finanzmärkten für Turbulenzen. Für Anleger stellt sich die Frage, ob an Brasiliens Börse in den nächsten Monaten weiter Samba getanzt wird, oder ob ein Investment sich als Zuckerrohrkrepierer erweist.

Die Brasilianer sind von ihrer Regierung viel gewohnt. Schuldenkrisen, Korruptionsskandale, Hyperinflation und Währungsreformen sorgten an der Copacabana in den letzten Jahrzehnten immer wieder für Probleme. Jetzt das nächste Kapitel der Skandalserie. Eine mögliche Verwicklung von Brasiliens Präsident Temer in den Korruptionsskandal um den Ölkonzern Petrobras hat die brasilianische Währung und die Börse Mitte Mai abstürzen lassen. Am 18. Mai stürzte der Real um rund sieben Prozent im Vergleich zum US-Dollar ab, die Leitindex Bovespa sackte um über zehn Prozent ab, sodass der Handel sogar ausgesetzt werden musste. Laut Medienberichten stimmte Temer der Zahlung von Schweigegeld an einen potenziellen Zeugen zu. Der Präsident wies die Vorwürfe allerdings umgehend zurück. Die Beweise scheinen jedoch erdrückend, da ein Telefonmitschnitt Temer stark belastet. Das oberste Bundesgericht Brasiliens hat daraufhin Ermittlungen gegen den Präsidenten genehmigt. Nach Bekanntwerden dieses Skandals kam es in Brasilien zu heftigen und teils gewalttätigen Protesten, welche den Ruf nach Neuwahlen laut werden ließen. Unter diesen Voraussetzungen dürfte es der Regierung jedenfalls sehr schwer fallen, die geplanten Reformen zur Stärkung der Wirtschaft umzusetzen.

Die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt leidet unter einer Rezession. 2015 sank das Bruttoinlandsprodukt um 3,8 Prozent, 2016 um 3,6 Prozent. 13,5 Millionen Menschen sind arbeitslos. Zuletzt gab es aber Anzeichen einer leichten Besserung, die Märkte begrüßten Temers Privatisierungspläne etwa bei großen Flughäfen und einschneidende Arbeitsmarktreformen, die Unternehmen mehr Freiheiten geben sollen. Auch die Börsenkurse profitierten von der Aufbruchsstimmung. So könnte der Leitindex Bovespa vom Anfang des Jahres bis zum 17. Mai um mehr als zehn Prozent zulegen. Brasilien gehört neben Mexiko und Russland zu den Hoffnungsträgern unter den Schwellenländern. Die Anleihen des Landes befinden sich in den Portfolios zahlreicher Großinvestoren. Jetzt steigt die Gefahr, dass ausländische Großinvestoren Gelder abziehen, denn Brasilien ist durch diese Korruptionsaffäre in Misskredit geraten. Die Pleitewahrscheinlichkeit schoss kräftig in die Höhe. Investoren schätzen die Gefahr, dass das Land in den kommenden fünf Jahren einen Staatsbankrott  erleidet auf 17 Prozent ein. Auch die Ratingagentur Standard & Poor’s reagiert auf die jüngsten Korruptionsvorwürfe und teilte mit, dass die Kreditnote des Landes unter verschärfte Beobachtung (Creditwatch Negative) gestellt werde.

Doch die Korrektur sowohl bei der Währung, den Anleihekursen als auch an der Börse bietet Antizyklikern eine interessante Chance. Brasilianische Staatsanleihen mit fünfjähriger Laufzeit rentieren aktuell mit 9,5 Prozent. Auch die Aktien sind wieder deutlich günstiger geworden. Nach dem Kurzrutsch weist der Bovespa beispielsweise ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,8 nach zuvor 13 auf. Wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg wäre auch eine anhaltende Stabilisierung der Rohstoffpreise. Brasilien gilt nämlich als großer Exporteuer von Öl, Zucker, Kaffee und Eisenerz. Die höheren Rohstoffpreise dürften dazu beigetragen haben, dass die Wirtschaft im ersten Quartal seit zwei Jahren erstmals wieder wächst. Die Inflation ist inzwischen so weit zurückgegangen, dass die Notenbank die Leitzinsen in diesem Jahr um über 300 Basispunkte senken könnte. Die Teuerungsrate liegt aktuell bei 4,6 Prozent, im letzten Jahr betrug die Inflation noch zehn Prozent.

Die brasilianische Bevölkerung ist mit einem Durchschnittsalter von knapp 30 Jahren zudem jung, dynamisch und die Mittelschicht wächst kontinuierlich, was den Binnenkonsum stärken sollte.

Auch wenn Brasilien derzeit nicht den besten Ruf genießt, sollte man auf die Fakten achten und zukünftige Entwicklungen in die Anlageentscheidung einfließen lassen. Zwar belasten die politischen Risiken die Kapitalmärkte aktuell, doch sollten politische Börsen auch hier kurze Beine haben, können sich Investoren auch eine weitere Runde Samba an Brasiliens Finanzmärkte einstellen.

Kolumne von Guido vom Schemm, Geschäftsführer GVS Financial Solutions GmbH