BMO sieht Rezessionsgefahr in Großbritannien

Steven Bell

Vor etwa einem Monat hat Großbritannien für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Seitdem ist die Stimmung an den Märkten von regelrechter Schwarzmalerei zu bedenklichem Optimismus umgeschlagen. Welchen langfristigen Einfluss die Brexit-Entscheidung auf die britische Wirtschaft hat, ist allerdings noch unklar.

„Das wird vor allem von noch unbekannten Richtlinien abhängen und vom Ausgang der Verhandlungen über die mit dem Austritt verbundenen Bedingungen“, sagt Steven Bell, Chef-Ökonom von BMO Global Asset Management. „Wir blicken auf eine ungewisse Zukunft und können uns lediglich auf fundierte Annahmen stützen.“ Der ehemalige britische Schatzkanzler Denis Healey hat einmal gesagt: ‚Wirtschaftsprognosen sind lediglich die Zusammenfassung einer nur zum Teil bekannten Vergangenheit, der unbekannten Gegenwart und einer ungewissen Zukunft.‘ Steven Bell erklärt: „Vor dem Hintergrund dieser Aussage versuchen wir, unser Verständnis der jüngsten Vergangenheit zu verbessern und wollen herausfinden, ob sich Großbritannien bereits in einer Rezession befindet.“ Betrachtet man den Einkaufsmanagerindex Composite Markit Purchasing Managersʼ Index (PMI), ist die klare Antwort: Ja. Der PMI ist der genaueste und aktuellste Indikator britischer Wirtschaftsaktivität. Im Rahmen der neuesten Umfrage wurden nach dem Brexit rund 1.000 britische Unternehmen befragt. Der Index verzeichnete daraufhin den stärksten Rückgang seit der globalen Finanzkrise 2008 und prognostiziert für das dritte Quartal 2016 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent im Vergleich zum zweiten Quartal. „Das ist ein erheblicher Rückgang, der zudem stärker als der Marktkonsens war“, sagt Bell. Dies sei eine wichtige Erkenntnis, da Prognosen bereits ein geringes bis negatives Wachstum in Großbritannien vorhergesagt hätten. So verzeichnete eine von Bloomberg zuvor veröffentlichte Prognose einen Wachstumsstillstand im dritten Quartal 2016, für das vierte Quartal ein negatives Wachstum von -0,1 Prozent. „Diese Statistiken sind ein wesentlicher Bestandteil, um zu beurteilen, ob sich Großbritannien in einer Rezession befindet und – falls ja – von welchem Umfang und welcher Dauer diese ist“, meint Bell. „Glaubt man den Daten, unterschätzen Analysten das Ausmaß des aktuellen Konjunkturabschwungs.“ Dies habe besonders für binnenmarktorientierte britische Aktien negative Auswirkungen – die Analystenerwartungen für Unternehmensgewinne im Vereinigten Königreich seien zu hoch angesetzt. Nach Einschätzungen des Chef-Ökonomen wird das britische Pfund aller Voraussicht nach schwach bleiben, wovon wiederum viele FTSE 100-Unternehmen mit hohen Auslandseinkünften profitieren würden. Außerdem hat die Bank of England erwartungsgemäß den Leitzins um 0,25 Prozent gesenkt und weitere Maßnahmen angekündigt. Dass die britische Zentralbank in Zukunft im großen Umfang weitere Staatsanleihen kaufen werde, sei aber eher unwahrscheinlich. Steven Bell mahnt allerdings auch vor zu viel Schwarzmalerei. Viele britische Fondsmanager sahen sich zu Verkäufen gezwungen, weil ihre Klienten Mittel abgezogen. Und das bei einem bereits sehr negativen Markt-Sentiment. Eine deutlich stärkere Marktbewegung sei hingegen wahrscheinlich, wenn die Marktdaten positiv überraschen würden. „Die Zukunft mag zwar ungewiss sein, ich denke aber, dass der Wirtschaftsabschwung in Großbritannien kurz und stark sein wird“, sagt Bell. „Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass der Brexit langfristig wahrscheinlich negative Auswirkungen auf das Land haben wird.“ Der unmittelbare Einfluss des Referendums sei, dass Investitionen zurückgestellt würden, die letztendlich aber doch getätigt werden. Dafür sei ein Blick in die von Healey als ungewiss bezeichnete Zukunft notwendig. Vieles sei abhängig von der Erklärung des neuen Schatzkanzlers im Herbst. „Eine erhebliche Lockerung der Geldpolitik könnte zukünftig den durch den Brexit ausgelösten Abschwung ausgleichen“, so Bell. Ein weiterer wichtiger Faktor seien die Verhandlungen mit den übrigen EU-Mitgliedstaaten, darunter auch die Klärung der Frage, was mit den rund drei Millionen EU-Bürgern passiert, die in Großbritannien leben. „Sollten die Zahlen des nächsten Einkaufsmanagerindex einen Sprung verzeichnen, könnte das auch den Grundton in den Nachrichten verändern“, meint Bell. „Wir sollten diese Daten aber genau beobachten. Sofern wir mit unseren Einschätzungen richtig liegen, wird die Konjunktur Zeichen des Aufschwungs zeigen.“ www.bmogam.com