Biotech als Hoffnungsbranche

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Mario Linimeier

Was taugen Branchenfonds? Wie sind die Zukunftsaussichten der Biotechnologiebranche für das zweite Halbjahr? finanzwelt sprach mit Mario Linimeier von Medical Strategy.

finanzwelt: Der Biotech-Sektor war zum Jahresbeginn von höherer Volatilität geprägt. Was waren die Gründe dafür?
Linimeier: Wesentlicher Grund waren Gewinnmitnahmen von Momentum-getriebenen Investoren, die insbesondere durch Verkäufe von Indexfonds eine Korrektur ausgelöst haben. Eine fundamentale Grundlage ist nicht erkennbar. Auslöser war der Brief eines demokratischen US Kongressabgeordneten, in dem der Preis für das neue Hepatitis C Medikament Sovaldi von Gilead als zu hoch angesehen und kritisch hinterfragt wird. Diese Ansicht hält einer näheren Betrachtung jedoch nicht Stand, da Sovaldi eine höhere und breitere Wirksamkeit, sowie eine bessere Verträglichkeit gegenüber bisherigen Produkten aufweist. Insbesondere die ab dem 3.Quartal 2014 verfügbare fixe Kombination mit Ledipasvir heilt Patienten nach 8-12 Wochen, ohne zusätzliche Therapien oder Komplikationen der Erkrankung, wie Leberzirrhose oder Leberkrebs. Zudem stützen pharmakoökonomische Berechnungen den Preis von Sovaldi.

finanzwelt: Sprechen „nur” die gegenwärtigen Rahmenbedingungen für Biotech oder gibt es weitere Gründe?
Linimeier: Neben dem grundsätzlich hohen Bedarf nach Gesundheitsdienstleistungen, der sich unabhängig vom Konjunkturverlauf entwickelt, ist das wesentlichste Argument der aktuelle Innovationszyklus. Dieser Zyklus hat eine neue Produktära eingeläutet. Ein zentraler Wachstumstreiber ist dabei das bessere Verständnis für die molekularen Entstehungsursachen von Krankheiten. Zum Beispiel ist es heutzutage möglich das Krankheitsgeschehen von Krebs gezielt zu beeinflussen. So können etwa mit Angiogenese-Inhibitoren Tumorzellen ausgehungert werden. Zudem erleichtert eine innovationsfördernde US-Gesetzgebung die Zulassung von neuen Arzneimitteln. Im Jahr 2011 wurden 30 neue Substanzen von der FDA zugelassen und im Jahr 2012 stieg die Anzahl auf 39 Medikamente an, was einem 15-Jahreshoch entspricht.

finanzwelt: Welchen Stellenwert haben augenblicklich Branchenfonds und wo liegen die Vorteile?
Linimeier: Branchenfonds können eine hervorragende Ergänzung für jedes Portfolio darstellen, sofern sich die Fonds nicht auf die jeweiligen Large Caps des Segments konzentrieren. Dies würde sonst zu Überschneidungen mit breit aufgestellten Investmentfonds führen und keinen Mehrwert generieren. Gerade im Biotechsektor sind es insbesondere die kleineren Unternehmen, die mit innovativen Produktentwicklungen hohes Wachstum erzielen können und die nicht in globalen Fondsportfolios zu finden sind. Zudem erfordern Investitionen im Biotech-Sektor eine umfassende medizinische bzw. molekularbiologische Expertise, über die unspezialisierte Investmentfonds in der Regel nicht verfügen.

finanzwelt: Wie beurteilen Sie die mittel- bis langfristigen Aussichten für diesen Sektor?
Linimeier: Die Aussichten bleiben für den Sektor weiterhin sehr positiv. Die Pharmaindustrie wird weiterhin neue Produkte einkaufen um Umsatzeinbrüche durch Patentabläufe ausgleichen zu können. Aufgrund der eigenen Forschungsineffizienz setzen Pharmaunternehmen verstärkt auf Kooperationen mit kleineren Biotechfirmen oder übernehmen diese gleich vollständig. In beiden Fällen können die Produktentwickler von überdurchschnittlichen Kurssteigerungen profitieren.

(Das Interview führte Alexander Heftrich)