Betriebe und Betriebsrente in Gefahr?

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Die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank sorgt für Risiken in der deutschen Wirtschaft in Höhe von Milliarden Euro. Die deutschen Politiker schauen tatenlos zu, was die Euro-Politik bewirkt.

2015-12-10 (fw/db) Die Niedrigzinsphase hat bei deutschen Pensionseinrichtungen deutliche Spuren hinterlassen. Im ersten Quartal 2015 schnellten die Pensionsverpflichtungen der DAX-Konzerne auf 424,9 Milliarden Euro, nachdem der Rechnungszins auf 1,47 Prozent eingebrochen war. Seit April 2015 sind die Parameter wieder auf Erholungskurs. Modellberechnungen von Towers Watson zeigen dieses Ergebnis.

Die Studie „German Pension Finance Watch“ (GPFW) von Towers Watson stellt die Auswirkungen der Kapitalmarktentwicklungen auf deutsche Benchmark-Pensionspläne dar. Verglichen wird ein Musterplan, der zum Stichtag vollständig ausfinanziert war (100-Prozent-Plan) und laufend in Höhe der neu erdienten Ansprüche dotiert wird mit einem für ein DAX- beziehungsweise MDAX-Unternehmen typischen Pensionsplan.

Quantitatives Easing belastet Rechnungszins

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wirkt sich über die Betriebsrenten massiv auf die Pensionsverpflichtungen deutscher Unternehmen aus. Von Januar bis März 2015 kletterten die Verpflichtungen der DAX-Konzerne um 14,1 Prozent auf 424,9 Milliarden Euro, zeigt die Hochrechnung des DAX-Musterplans. Auch die Pensionsverpflichtungen der MDAX-Unternehmen verzeichneten ein Plus von 14 Prozent auf 69,9 Milliarden Euro. Damit setzte sich der Vorjahrestrend im ersten Quartal 2015 fort.

Grund für diesen steilen Anstieg war der Verfall des Rechnungszinses. Dieser ist maßgeblich für die Berechnung der Pensionsverpflichtungen aus den zukünftig zu erwartenden Auszahlungen an die Betriebsrentner. Im ersten Quartal war der Rechnungszins um 68 Basispunkte auf 1,47 Prozent eingebrochen, konnte sich im Jahresverlauf aber auf 2,42 Prozent (Q2) beziehungsweise 2,33 Prozent (Q3) erholen.

„Mit ihrem ‚Quantitative Easing‘ hat die EZB den Rechnungszins nach unten gedrückt, was die Kosten für die betriebliche Altersversorgung zwangsläufig erhöht“, erklärt Dr. Thomas Jasper, Leiter Retirement Solutions bei Towers Watson, die Entwicklung von Januar bis März 2015.

Tatsächlich gingen die Pensionsverpflichtungen durch den Anstieg des Rechnungszinses im zweiten Quartal auf 353 Milliarden Euro (DAX) beziehungsweise 58,1 Milliarden Euro EUR (MDAX) zurück. Im dritten Quartal blieben sie nahezu konstant: Zum 30. September lagen die Verpflichtungen der deutschen Large Caps und Mid Caps bei 353,8 Milliarden Euro beziehungsweise 58,3 Milliarden Euro, so die Studie.

Ausfinanzierungsgrad: nur eine Momentaufnahme

Das Niedrigzinsumfeld und die damit steigenden Pensionsverpflichtungen haben im ersten Quartal zu einem deutlich geringeren Ausfinanzierungsgrad von Pensionsplänen geführt.

Der Ausfinanzierungsgrad zeigt das Verhältnis von Pensionsverpflichtungen und den Finanzmitteln, die zu ihrer Erfüllung zurückgestellt werden. Die GPFW kommt zu dem Schluss, dass die Planvermögen im DAX per 31. März einen Ausfinanzierungsgrad von nur 56,7 Prozent erreichten – ein Rückgang um 4,5 Prozentpunkte gegenüber 31. Dezember 2014. Bei den MDAX-Planvermögen fiel das Minus mit 3,3 Prozentpunkten auf 45,3 Prozent etwas moderater aus.

„Im Mittelstand ist der Ausfinanzierungsgrad traditionell geringer. Allerdings ist diese Kennzahl nur eine Momentaufnahme des Drucks, den die niedrigen Zinsen zum Stichtag auf die Pensionsverpflichtungen ausüben“, so Experte Dr. Jasper.

Von April bis Juni 2015 stieg die Quote auf 65,1 Prozent (DAX) beziehungsweise 51,9 Prozent (MDAX), um von Juli bis September wieder leicht zu sinken. Unterm Strich bleibt die Zwischenbilanz positiv: Zum 30. September war der Ausfinanzierungsgrad um drei Prozent (DAX) beziehungsweise 2,7 Prozent (MDAX) gestiegen.

Planvermögen: Renditetreiber fehlen

Ein gemischtes Bild zeigte sich in den ersten neun Monaten dieses Jahres an den Börsen. Während Aktien und Anleihen im ersten Quartal zum Teil deutliche Gewinne verzeichneten und damit die Rendite der Planvermögen in DAX und MDAX beflügelten, gerieten die Börsenbarometer im Verlauf unter Abgabedruck.

Für das DAX-Planvermögen, so die Analyse des DAX-Musterplans, ging es von Januar bis März um 5,7 Prozent auf 240,8 Milliarden Euro nach oben. Das Planvermögen der mittelständischen Unternehmen wuchs im gleichen Zeitraum um 6,4 Prozent auf 31,6 Milliarden Euro. Doch mit der Trendwende an den Börsen schrumpfte das Planvermögen im DAX auf 229,7 Milliarden Euro (Q2) beziehungsweise 226,8 Milliarden Euro (Q3). Das MDAX-Planvermögen verzeichnete einen Rückgang auf 30,2 Milliarden Euro beziehungsweise 29,8 Milliarden Euro. Trotzdem bleibt die Bilanz nach dieser Berg- und Talfahrt positiv: Zum 30. September war das Planvermögen der DAX-Konzerne mit minus 0,4 Prozent nahezu unverändert, auch das Planvermögen der MDAX-Unternehmen trat mit plus 0,4 Prozent quasi auf der Stelle.

„Wir beobachten, dass sich die Risikowahrnehmung der deutschen Pensionseinrichtungen verändert hat. So ist der Anteil an konservativen Papieren in den Portfolios gestiegen. Aber auch ein breitgefächertes Rentenportfolio kann fehlende Renditetreiber im Gesamtportfolio nicht ausgleichen“, warnt Dr. Jasper.

Dietmar Braun