Bankensterben?

Die Banken stehen unter Druck. Sie müssen strengere Eigenkapitalregeln erfüllen, was die Margen drückt. Ganze Geschäftszweige stehen vor dem Aus. Der Kreditexperte Johannes Führ, Vorsitzender des Advisory Boards der Johannes Führ Asset Management GmbH, erwartet deshalb, dass viele Banken vom Markt verschwinden.

F: Banken und Versicherungen haben in den vergangenen Jahren einen rasanten Absturz erlebt. Kehrt hier jetzt langsam wieder Normalität ein?

J. Führ: Noch nicht und wenn, dann auf deutlich niedrigerem Niveau. Denn der Boom der Finanzbranche ist definitiv vorbei. Trotz hoher Liquidität und niedriger Zinsen ist sie kein Wachstumsmarkt mehr. Die neuen Regularien begrenzen die Möglichkeit, mit geringem Eigenkapital viel zu verdienen und verändern so den Markt grundlegend. Die neuen, strikten Eigenkapitalregeln auch durch Basel III stellen manche Geschäftsfelder von Banken grundlegend in Frage und üben Druck auf die Margen aus. Gleichzeitig wird die Möglichkeit des Hebelns von Eigenkapital und Fremdkapital begrenzt. Beides zusammen wird zu sinkenden Eigenkapitalrenditen führen.

F: Was bringen die neuen Eigenkapitalvorschriften?

J. Führ: Sie bedeuten höhere Kosten in einem Umfeld sinkender Margen. Es gibt aber nach wie vor zu viele Anbieter in diesem schrumpfenden Markt. Der Bankensektor steht deshalb vor einer Bereinigung. Kleinere Anbieter werden den Markt verlassen und wenige große Anbieter den Markt dominieren. Viele in der Vergangenheit gewinnbringende Geschäftsfelder werden radikal schrumpfen oder ganz eingestellt. Die Folge sind sinkende Gewinne und massiver Stellenabbau. Der Bankenmarkt schrumpft sich gesund und muss sich zwangsläufig wieder auf seine klassischen Geschäftsfelder besinnen. Ich denke, dass sich das Bankgeschäft in naher Zukunft in einen stark regulierten, auf wenige Anbieter von klassischen Dienstleistungen konzentrierten Markt mit stabilen Margen, umwandelt.

F: Was würde eine Pleite Griechenlands hier bedeuten?

J. Führ: Bei den meisten Banken ist noch völlig unklar, wie hoch der Abschreibungsbedarf im Falle einer Griechenlandpleite wirklich ist. Neben den eigenen Beständen liegen die Risiken häufig in komplexen Finanzprodukten wie zum Beispiel Credit Default Swaps, deren Umfang hoffentlich zumindest dem Risikomanagement der eigenen Bank nicht verborgen geblieben ist. Die wirkliche Gefahr eines Ausfalls Griechenlands besteht aber nicht nur für Banken, die gegen eine Pleite gewettet und CDS geschrieben beziehungsweise verkauft haben, sondern auch für jene Institute, die durch den Kauf von CDSs vermeidlich abgesichert sind. So munkelt man, dass einige Banken gar nicht mehr in der Lage sind, alle verkauften CDS im Falle einer Pleite Griechenlands zu bedienen. Die Käufer würden buchstäblich leer ausgehen. Ohne Ausfallversicherungen würden die Abschreibungen drastisch nach oben katapultiert. Somit könnte eine Pleite Griechenlands das Ende der Unabhängigkeit für viele europäische Banken bedeuten.

F: Der Bankensektor ist ein wichtiger Bereich der Wirtschaft. Wie wirkt sich seine Schwäche auf die Gesamtwirtschaft aus?

J. Führ: Obwohl der Kredit fast nichts mehr kostet, kann er nicht in die Wirtschaft gepumpt werden, weil das Eigenkapital bei den Finanzinstituten fehlt – das ist die Krux. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass Staaten, Banken und die Privatwirtschaft in naher Zukunft ihre Kreditaufnahme gleichzeitig drosseln werden. Damit wirkt der Transmissionsriemen nicht mehr, bei dem früher niedrige Zinsen zu höherer Kreditaufnahme, zu Investitionen und zu neuer Nachfrage führten. Somit ist die Schwäche des Finanzsektors auch eine Gefahr für die gesamte Wirtschaft. Erst wenn der Bankensektor seine Häutung abgeschlossen hat, werden alte Mechanismen wieder wirken können. Insgesamt wird der Bankensektor aber noch Jahre brauchen, um sich neu auszurichten.

F: Wie steht der Euro heute da?

J. Führ: Hier findet die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekannte Unterscheidung zwischen Weich- und Hartwährungsländern ihre Fortsetzung. Die Zinssätze zeigen täglich an, wozu ein Staat sich rechnen darf. Und für Krisenländer wird die Lage immer drückender. Hartwährungsländer sind heute – wie damals auch – nur noch Deutschland, Luxemburg, Finnland, Österreich und Holland. Neben der Weichwährungszone Italien, Frankreich, Belgien, Spanien hat sich jetzt aber die Pleitezone etabliert, zu der auch Länder wie Portugal und Irland gezählt werden, die schon unter dem Rettungsschirm stehen. Sie könnten Zuwachs bekommen, etwa von Zypern oder Slowenien. Die jeweilige Zinshöhe zeigt nun tagtäglich die internationale Markteinschätzung für die Länder. Kein schöner Gedanke für die Länder, die sich an das günstige Schuldenmachen dank Euro gewöhnt hatten.

F: Und wie sehen Sie die Zukunft der Eurozone?

J. Führ: Die Lage der schwächeren Länder wird zunehmend schwieriger: Neben den Rating-Herabstufungen wird sich auch noch die Laufzeitenstruktur zu Ungunsten vor allem der Krisenländer verschieben. Letztere setzen wegen der noch niedrigeren Zinsen bei kurzen Laufzeiten auf Kurzläufer, was aber das jährliche Refinanzierungsvolumen anschwellen lässt und die Risiken für die nächsten Anleiheplatzierungen erhöht. Das heißt, dass Länder sich die kurzfristigen Zinsen zwar noch leisten können. Damit setzen sie sich aber einem steten Druck zur Nachfinanzierung aus – Ruhe erreichen sie so nicht.

F: Wie sieht Ihre Strategie im Asset Management angesichts dieser Einschätzung aus?

J. Führ: Für uns ist eine breite – dabei aber immer überschaubare – Diversifizierung im Detail wie in der strategischen Gesamtplanung seit langer Zeit zum A und O des Investierens geworden. Wenn wir vor dem geschilderten Hintergrund heute mehrheitlich in Unternehmensanleihen – überwiegend ohne Banken und Finanzinstitute – investiert sind, so sind wir hier immer so diversifiziert, dass ein möglicher Ausfall uns maximal ein Prozent Ertrags-, aber keinen Kapitalverlust beschert. Haben wir 100 Millionen Euro in einem Fonds zu verwalten, haben wir immer über 100 unterschiedliche Emittenten. Sind die Emittenten weniger liquide, sind die einzelnen Titel nochmals geringer als mit einem Prozent gewichtet. Auch wenn wir mehrheitlich im Investmentgrade-Bereich der Industrieunternehmen investiert sind, nutzen wir die immer wieder auftretenden Übertreibungen, um dann auch kurzlaufende Staatsanleihen von Staaten aus den Weichwährungsländern zu erwerben. In Anleihen ohne Rendite oder mit absolut ungenügender Rendite investieren wir nicht.