Banken verschenken 220 Mrd. Dollar

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Trotz Verbesserungen in den letzten Jahren ist das Management nicht-finanzieller Risiken bei Banken noch deutlich ausbaufähig. Gerade der Umgang mit Kunden und Produkten ist noch deutlich ausbaufähig. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass ein falscher Umgang mit nicht-finanziellen Risiken dramatische Folgen haben kann.

1995 nutzte der Derivatehändler Nick Leeson Lücken im internen Kontrollsystem der Barings Bank und versuchte, durch immer waghalsigere Spekulationen Verluste zu kompensieren. Die Konsequenz: Die 1717 gegründete Bank brach zusammen und Nick Leeson wurde wegen Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Zudem kam es zu einer weltweiten Devisenkrise und das britische Pfund geriet unter massiven Druck. Dieser Skandal, der später sogar verfilmt wurde, war ein Weckruf für die Branche, die seitdem das Management nicht-finanzieller Risiken deutlich verbessert hat. Die Studie „Preventing Disaster: How Banks Can Manage Operational Risk“ der internationalen Managementberatung Bain & Company zeigt jedoch, dass es heute noch vielerorts Schwachstellen gibt.

Laut Daten des Risikospezialisten ORX summieren sich die Verluste großer Banken aufgrund operationeller Risiken seit 2011 auf ca. 220 Mrd. Dollar. Mit ca. zwei Dritteln stammt der mit Abstand größte Teil davon aus dem falschen Umgang mit Kunden und Produkten. Neben bewusstem und unbewusstem menschlichen Fehlverhalten werden in der Studie auch die IT, die Organisationsstruktur sowie die unvollständige Umsetzung der immer komplexeren und teilweise überlappenden Regulierungen als Schwachstellen identifiziert.

Ertragspotenziale werden nicht genutzt

„Nicht-finanzielle Risiken lauern nahezu überall, entsprechend viel steht für die Banken auf dem Spiel“, stellt Bain-Partner und Co-Autor der Studie Dr. Jan-Alexander Huber fest. „Fehler im operationellen Risikomanagement verursachen nicht nur finanzielle Verluste, Rechtskosten und zum Teil Strafzahlungen, sondern schädigen auch nachhaltig die Reputation und gefährden im Extremfall die Existenz einer Bank.“ Der Branche sei die Gefahr durchaus bewusst. „Die Banken arbeiten hart daran, ihr Risikomanagement zu verbessern“, betont Huber. Auch wenn es hier seit 2014 deutliche Fortschritte zu verzeichnen sind, konzentrieren sich viele Kreditinstitute auf eine bessere Steuerung der Finanzrisiken. Jedoch kosten Verluste aus nicht-finanziellen Risiken große Banken immer noch knapp 1 % ihres Bruttoeinkommens.

Eine Musterrechnung macht deutlich, welches Ertragspotenzial nicht genutzt wird: Ausgehend vom Durchschnittswert der vergangenen drei Jahre könnten die Banken ihre Gewinnmarge um 30 Basispunkte steigern, wenn sie ihre Verluste aus nicht-finanziellen Risiken um 20 % reduzieren würden.

Was ein integriertes operationelles Risikomanagement auszeichnet

Vorreiter in der Branche arbeiten bereits daran, die Effektivität ihres Risikomanagements zu verbessern und so ihre Profitabilität zu steigern. Dabei sind vier Prinzipien entscheidend:

  1. Das Management nicht-finanzieller Risiken umfasst alle Bereiche und Funktionen einer Bank und ist reibungslos in die unternehmensweiten Strukturen und Prozesse integriert.
  2. Die Verantwortung für das Risikomanagement ist in jeder Abteilung klar definiert, Fachleute besetzen die entsprechenden Stellen.
  3. Feedbackschleifen gewährleisten, dass die Bank kontinuierlich aus Erfolgen und Misserfolgen lernt, um nicht-finanzielle Risiken in Zukunft zu vermeiden.
  4. Alle Prozesse werden regelmäßig überprüft, um sicherzustellen, dass sämtliche Kennzahlen und Vergütungssysteme den aktuellen Anforderungen entsprechen.

„Fort- und Ausbildung der Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg“, erklärt Dr. Sebastian Fritz-Morgenthal, Expert Principal bei Bain und Co-Autor der Studie. „Jeder Einzelne muss lernen zu antizipieren, welche Fehler auftreten können und wie sie sich vermeiden lassen.“ Das gilt insbesondere für Innovationen. So integriert eine europäische Großbank auf ihrem Innovationscampus bereits operationelle Risikomanager in den agilen Entwicklerteams.

Technische Lösungen erleichtern die Arbeit von Risikomanagern

Vielerorts setzen Banken zudem auf technische Lösungen. Insbesondere Datenanalysen und maschinelle Lernverfahren erleichtern es, Schwachstellen automatisiert aufzuspüren. Somit müssen die Risikomanager nicht mehr länger mit großem Zeitaufwand kleinteilige Prozesse prüfen, sondern können sich auf die Vorbeugung großer Risiken konzentrieren.

Technische Lösungen zählen für Bankenexperte Fritz-Morgenthal neben einer regelbasierten Risikokultur und kontinuierlichen Schulungen zu den Kernelementen eines erfolgreichen Managements nicht-finanzieller Risiken: „Mit einem integrierten Ansatz können Banken ihre Profitabilität erhöhen und – noch wichtiger – eventuell existenzbedrohende Risiken frühzeitig erkennen und abwenden.“ (ahu)

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