Ausblick auf 2016 – es bleibt schwierig

Derzeit nehmen die Pläne für das kommende Jahr Gestalt an. Die Finanzdienstleister müssen sich Klarheit verschaffen, mit welchen Herausforderungen sie zu rechnen haben und welche Produkte und Strategien ihnen eine erfolgversprechende Antwort geben.

Die Experten zu Besuch bei der finanzwelt:

Laternser Ehlhardt

Im Zentrum eines Ausblicks steht letztlich immer die Frage: „Welche Strategie, welches Anlagekonzept?“ nach allen „Wenn“ und „Aber“ denn wirklich empfehlenswert sind. Die Antwort des Vermögensverwalters Rolf Ehlhardt im Hinblick auf das kommende Jahr war da ganz klar:

Rolf Ehlhardt: „Aktien gehören unbedingt dazu. Die Aktienquote in den deutschen Vermögen beträgt nur 13 % – und das ist viel zu wenig. Vor allem, wenn man an die Alterssicherung denkt. Damit steuert man direkt in die Altersarmut. Denn mit den Festzinsprodukten – egal ob Anleihen oder Festgeld – kann man auch 2016 nur verlieren. Man muss einfach bereit sein, das Risiko ‚Aktien‘ einzugehen, denn viele gute Standardaktien liefern heute über die Dividenden noch eine akzeptable laufende Rendite, mit der die Zinsanlagen nicht konkurrieren können. Wir legen bei der Aktienauswahl daher auch großen Wert auf die Dividendenkontinuität.“ Ehlhardt zog dazu den Vergleich zur normalen Anleihe: „Normale Anleger schauen auch nur selten nach dem Kurs ihrer Papiere, sie haben den Zinstermin auf dem Zettel und prüfen, ob das Geld pünktlich auf dem Konto ist. Genauso muss man mit guten Aktien wie etwa einer BASF umgehen.“

Dr. Stefan Laternser sieht das ähnlich: „Derzeit gibt es keine Alternative zur Börse. Solange die extrem lockere Geldpolitik der großen Notenbanken mit Zinsen um oder sogar unter null und nahezu unbegrenzter Liquiditätsschöpfung anhält, kann man gar nichts anderes tun, als Aktien kaufen. Vor allem die so genannten Blue Chips.“ Damit meint er die marktführenden Standardaktien mit hoher Marktkapitalisierung.

Die Investment-Welt hat ihre eigenen Ansprüche.
„Aktien kaufen“ ist nicht so einfach mit einer
Order über „xy Stücke BASF“ erledigt.

Es erfordert schon ein wenig mehr. „Gerade in den aktuellen unruhigen Zeiten ist eine gründliche Diversifikation nötig“, betont Ehlhardt unisono mit Dr. Laternser, und der Liechtensteiner Berater präzisiert: „Im aktuellen Umfeld bieten sich gerade vermögensverwaltende Produkte an, in erster Linie also Mischfonds mit einer umfassenden Strategie, besonders Multi Asset Fonds, die mit Absolute Return Strategien ‚gefahren‘ werden. Denn man muss ganz klar sehen, dass viele Risiken erkennbar sind: Wenn die Zinsen anfangen zu steigen, könnte es bald Probleme geben angesichts der vielen High Yield-Anlagen aus dem spekulativen Bereich.“ Hier verbirgt sich aus Dr. Laternsers Sicht ein grundsätzlicheres Problem: „Die extrem lockere Politik der Notenbanken zielt darauf, Risiken aufzufangen, in dem vor allem die Banken durch niedrige Zinsen und viel Geld entlastet werden. Das hat aber über die Zeit dazu geführt, dass die Verschuldung immer weiter gestiegen ist weil eben das Geld so billig war.“ Dieser Einschätzung stimmt Ehlhardt zu und ergänzt, dass noch große Probleme auf uns zukämen, wenn die Zinsen wieder steigen. Vor allem Schuldner mit schwacher Bonität würden dann unter Druck kommen.

Die Investmentstrategen müssen aber gleichzeitig damit zurechtkommen, dass sich die Wachstumsaussichten global verschlechtert haben, wie z. B. die laufend nach unten korrigierten Prognosen des IWF und anderer Institutionen zeigen. Weniger Wachstum heißt für die Unternehmen langsameres Wachstum der Umsätze und härterer Wettbewerb. „Die Zugpferde wie die USA und China liefern immer weniger Impulse, das gilt auch für die Emerging Markets. Und von der EU ist auch nicht viel zu erwarten“, hält Ehlhardt fest. Im Hintergrund steht nicht nur aus seiner Sicht ein generelles Versagen der Wirtschaftspolitik: „Durch Staatsverschuldung und Gelddrucken ist nur Zeit gekauft worden nach der Lehman-Krise. Aber diese Zeit wurde nicht genutzt, aus der Liquidität wurde zu wenig reale Investition. Stattdessen sind viele Vermögenspreise einfach aufgeblasen worden.“ Und Dr. Laternser pflichtet ihm bei: „Wir bekommen jetzt eine Art keynesianisches Endspiel, in dem wir zur Normalität zurückfinden müssen, ohne dass die Wirtschaft völlig einbricht.“

Einig waren sich die Investmentstrategen darin, dass die Zinsen wohl länger niedrig und die Risiken hoch bleiben werden. „Daher gehören Gold und andere Edelmetalle als Absicherung unbedingt in die Depots“, stellte Ehlhardt klar. Er sieht noch ein wichtiges Argument für das Gold: „Bislang ist der Goldpreis immer dem Trend der Aktiva der Notenbanken gefolgt: Wenn diese durch Geldemission (ob nun gegen Kredite an die Banken oder Ankauf von Devisen) ihre Bilanz verlängert haben, stieg auch der Goldpreis. Und umgekehrt fiel das Gold, wenn die Notenbanken Liquidität vernichtet haben, indem sie ihre Bilanz verkürzten. Dieser Zusammenhang ist nach 2008 zunächst verloren gegangen, das Gold ist der großen Geldschöpfung noch kaum gefolgt, was aus unserer Sicht Nachholbedarf für den Goldpreis darstellt.“ Auf die damit nahe liegende Frage nach der Rolle von Rohstoffen in den Depots lieferte Dr. Laternser eine klare Antwort: „Die Märkte haben hier schon negativ übertrieben, die Preise sind zu tief gefallen.“ Und Ehlhardt stieß ins gleiche Horn mit der Empfehlung, Rohstoffaktien ins Depot zu nehmen. Eine Produktgruppe zieht dagegen Kritik auf sich: „Die Zertifikate und andere Derivate sind zu einem echten Risiko geworden. Da werden so große Volumen gehandelt, dass die Verpflichtungen aus diesen Verträgen gar nicht alle erfüllt werden können. Soviel Gold oder Seltene Erden wie da geliefert und abgenommen werden müssten, gibt es gar nicht“, zielt Ehlhardt auf eine weitere Schwachstelle der Finanzmärkte: „Das ganze System funktioniert so lange völlig glatt, wie nur die Nettopositionen betrachtet werden, so dass die Masse der Verkaufs- und Abnahmeverpflichtungen nicht erfüllt, sondern einfach saldiert werden. Der Pferdefuß kam in der Lehman-Krise zum Vorschein: Sobald in einer Krise die Liquidität aus den Märkten verschwindet, nützen einem die Verträge überhaupt nichts mehr, weil man nicht mehr kaufen oder verkaufen kann. Man übernimmt mit jedem Zertifikat das Risiko des Emittenten. Den wenigsten Anlegern ist bewusst, dass diese Papiere bedingte Obligationen sind, also letztlich Schuldscheine mit zwei unterschiedlichen Risiken. Zum einen sind die Konditionen des Zertifikats wichtig, also welcher Anspruch durch welchen Basispreis entsteht, und dann aber – und das ist hier entscheidend – eben das Ausfallrisiko des Emittenten, wenn er denn zahlen muss.“

Die unübersichtliche Gemengelage stellt den
Vertrieb vor anspruchsvolle Aufgaben.

Hier sehen die Experten ein Problem: Der Kunde muss die Produkte verstehen, dafür braucht der Vertrieb transparente, standardisierte Produkte, die auf klar strukturierten Strategien aufbauen. Der Berater braucht Experten für die Auswahl der Produkte und das Management der dahinterstehenden Portfolios, um zu akzeptablen Anlageergebnissen zu kommen. Hier haben Justiz und Politik aber ein Problem geschaffen, so Ehlhardt: „Die professionellen Strukturen kosten immer Geld, das Know-how und die Arbeit müssen bezahlt werden. Genau das ist aber schwierig geworden, weil die Rechtsprechung und auch die Regulierungen lange Zeit gängige Provisionen zu nicht mehr statthaften Kickbacks erklärt haben.“ Laternser: „Die neuen Regulierungen wie MIFID und MIFIR oder neues KAGB schränken den Spielraum ein, aus dem die Kosten für Beratung der Kunden, Analysen der Märkte sowie die Entwicklung und Umsetzung von Strategien gedeckt werden müssen. Gleichzeitig treiben sie aber die Kosten weiter nach oben.“ (mk)

finanzwelt extra 06/2015 | Investmentfonds