Aufwind im Land der aufgehenden Sonne

Richard Kaye - Foto: © Comgest

Wie schlägt sich Japan im Kapitalmarktjahr 2020? Richard Kaye, Fondsmanager des Comgest Growth Japan, stand der finanzwelt-Redaktion Rede und Antwort.

finanzwelt: In welcher Verfassung befindet sich aktuell die japanische Wirtschaft?

Richard Kaye: Japans Wirtschaftsleistung ist weniger stark zurückgegangen als die aller anderen großen Länder, weil die Auswirkungen der Covidpandemie am geringsten waren – ohne Abschottung und mit einer minimalen Sterblichkeitsrate. Von April bis Juni ging das BIP nur um etwa 7% zurück, gegenüber über 10% in anderen großen Volkswirtschaften. Von Juli bis September haben sich die Verbraucherstimmung, die Umsätze auf bestehender Verkaufsfläche im Einzelhandel, der im Diffusionsindex erfasste Optimismus der Hersteller und die Investitionspläne deutlich verbessert. Im Zeitraum Oktober-Dezember dürfte gegenüber dem Vorjahr wieder ein Wachstum zu verzeichnen sein, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Regierung im vergangenen Oktober die Verbrauchssteuer anhob, was das BIP dieses Quartals um über 6% drückte.

finanzwelt: Ist der japanische Aktienmarkt gegenwärtig ein aussichtsreicher Markt?

Kaye: Wichtiger als das BIP sind die japanischen Unternehmensgewinne, die durch den Markt repräsentiert werden und die Investoren – im Gegensatz zum „BIP“ – kaufen können. Sie sind seit 2012 stärker gestiegen als in allen wichtigen Ländern und könnten in diesem Jahr das Gleiche tun, wenn sich der BIP-Vergleich in den Gewinnen niederschlägt. Die Faktoren, die hinter dem japanischen Ertragswunder stehen, sind: 1.) ein stabiles BIP, 2.) die Normalisierung des Körperschaftssteuersatzes durch die Regierung Abe auf ein weltweites Durchschnittsniveau, 3.) der zurückkehrende inländische Investor, der Kapitaldisziplin verlangt, sowie 4.) das Wachstum Asiens vor den Toren Japans, aus dem ein wachsender Teil der Gewinne japanischer Unternehmen stammt.

Japans Aktienmarkt hat sich also besser entwickelt als der weltweite Markt, obwohl dies selten bemerkt wird: Aktiv gemangte japanische Aktienfonds schlagen seit fünf Jahren den US-amerikanischen S&P500 und den MSCI All Country World. Solange diese vier Faktoren bestehen bleiben, wird Japan weiterhin eine hervorragende Performance erzielen, und aktive Fonds, die das Beste aus dem tiefen und breiten Markt Japans herauspicken können, dürften besonders attraktiv sein.

finanzwelt: Wie beurteilen Sie die ultralockere Geldpolitik – auch mit Blick auf die oftmals kritisierten geringen Fortschritte bei der Haushaltssanierung?

Kaye: Japans öffentliches Defizit ist ebenso wie die Outperformance seines Aktienmarktes (gemessen an den aktiven Fonds) ein weiterer Bereich, in dem tiefgreifende Missverständnisse bestehen. Japans Nettoverschuldung im Verhältnis zum BIP bewegt sich mit rund 40 Prozent ungefähr auf der Höhe der deutschen; die Bruttoverschuldung ist höher, aber wenig aussagekräftig, da Japan über reichlich Vermögenswerte verfügt, die das ausgleichen und es ermöglicht haben, die Kosten der Staatsverschuldung so niedrig zu halten. Die Politik der Zentralbanken wird wahrscheinlich noch eine Generation lang akkommodierend bleiben – das ist sie bereits seit dem Plaza-Abkommen der 1980er Jahre – und die Inflation (ohne Treibstoffpreise) ist schließlich leicht positiv geworden; aber wie in den großen Volkswirtschaften wird die Relevanz dieser Tatsache für die tatsächlichen Kapitalkosten immer geringer, da sich die japanischen Unternehmen zunehmend über Eigenkapital finanzieren.

finanzwelt: In welchen Branchen werden Sie augenblickblich fündig?

Kaye: Zum einen spielt Asien, in das über die Plattform japanischer Aktien investiert wird, eine Rolle. Mehr als die Hälfte unseres Portfolios repräsentiert das industrielle Wachstum in Asien, welches japanische Technologieunternehmen durch Automatisierung, Spezialkomponenten oder Software unterstützen, sowie die wachsende Schicht asiatischer Verbraucher, die begehrte japanische Marken kaufen. Ein zweiter wichtiger Bereich ist „Changing Japan“, insbesondere der sich entwickelnde japanische Mittelstand, der rationalisieren, konsolidieren, Arbeitsabläufe verbessern und mehr Frauen beschäftigen möchte. Aktien der erstgenannten Kategorie sind Hamamatsu Photonics, ein Hersteller optischer Geräte mit einem 100%igen Marktanteil bei Roboterpositionierungsgeräten, oder Daikin, Chinas größter Lieferant von Industrieklimaanlagen, sowie Pigeon, Chinas beliebteste Babyflaschenmarke. Beispiele für den zweiten Bereich sind Nihon M&A Center, der Konsolidierungsberater für Kleinunternehmen, oder Obic, das SAP der japanischen Kleinunternehmen. Obics Gewinnwachstum und Marge haben das von SAP und Oracle über viele Jahre hinweg weit übertroffen, weil der sich wandelnde japanische Mittelstand nach einer effizienteren Buchhaltungs- und Workflow-Software verlangt.

finanzwelt: Welche Industriesparten sind eher zu meiden?

Kaye: Die Aktien japanischer Banken haben sich ein Jahrzehnt lang unterdurchschnittlich entwickelt, und das könnte unserer Ansicht nach erst der Anfang ihrer Underperformance sein. Gegen japanische Banken sprechen 1.) der Zinssatz, 2.) die Überregulierung, 3.) ein überfüllter Markt, 4.) die mangelnde Nachfrage nach Wohnungsbau- oder Firmenkrediten sowie 5.) eine über mehrere Jahrzehnte abnehmende Bedeutung von Banken als Finanzvermittler, die etwa 30 Jahre später als im Westen begann. Japanische Banken sind billig im Vergleich zu ihrem Buchwert – was aber bedeutungslos ist, wenn wir, wie ich, davon ausgehen, dass der japanische Markt diese Aktien für die Wertvernichtung, die sie den Investoren zufügen, rational bewertet hat. (ah)