Auf nach St. Wendel

Die Menschen in Ostdeutschland zeigen sich weit weniger aufgeschlossen für die finanzielle Absicherung ihrer Zukunft als in den alten Bundesländern. Dies nur an wirtschaftlichen Rahmenbedingungen festzumachen, dürfte jedoch zu kurz gesprungen sein. Fest steht aber: Wollen Makler mit der Altersvorsorge gute Geschäfte machen, müssen sie in die Provinz umsiedeln.

Ob ein Vermittler Altersvorsorge effizient und umsatzstark an die Kunden bringt, hängt von seinem Know-how, der digitalen Unterstützung oder den Zinsen und damit der Rendite der Policen ab. Bisher konnte jeder externe Betrachter sich selbst sein Bild malen. Eine aktuelle Studie von comdirect, der „Deutschland-Atlas Anlageverhalten“, hat jetzt aufgedeckt, dass Erfolg und Misserfolg auch direkt mit der jeweiligen Gegend zusammenhängen, in der er tätig ist. Denn durch Deutschland zieht sich beim Thema Altersvorsorge ein tiefer Riss. Im Osten scheren sich die Menschen weit weniger darum als im Westen. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg – kaum jeder zweite Haushalt hält dieses Thema für bedenkenswert. Für die Studie wurden mikrogeografische Daten auf Kreis- und Stadtebene ausgewertet, so dass die Ergebnisse bis ins kleinste Detail nachvollzogen werden können. In den genannten Bundesländern kommt noch verschärfend hinzu, dass dort deutlich weniger Kinder zur Welt kommen als im bundesdeutschen Schnitt. Zusammen mit dem mangelnden Interesse an Altersvorsorge, besonders im Hinblick auf eine mögliche Pflegebedürftigkeit, ein geradezu verheerender Cocktail.

Atlas Anlageverhalten Altersvorsorge

„Im Osten ist das Risiko für Altersarmut immens hoch.“

Doch man befindet sich in diesen Regionen in „guter“ Gesellschaft, zumindest was die weit verbreitete Einschätzung der neuen Bundesländer betrifft. Die 38 Top-Destinationen für Vorsorgeverweigerer liegen nämlich allesamt im Osten der Republik. Absoluter Hotspot dabei: Cottbus. Dort ist nicht mal jeder Fünfte an der eigenen finanziellen Zukunftssicherung interessiert. Und statt der bundesdurchschnittlich 0,33 Kinder pro Haushalt sind es dort nur 0,22. Ähnlich prekär zeigt sich die Lage in Rostock und Schwerin. Drei Viertel der Bürger dort sehen keinen Anlass, irgendwie für sich tätig zu werden. Und Kinder gibt es dort auch nur 0,22 bis 0,26 pro Haushalt. „Im Osten ist das Risiko für Altersarmut immens hoch. Durch die geringe Kinderquote bedeutet das eine besonders starke Belastung für das einzelne Kind, wenn die Eltern pflegebedürftig werden“, sagt Daniel Schneider, Leiter Investing der comdirect bank AG. Er sieht hinter dieser Abneigung grundsätzlich zwei bestimmende Faktoren. Zum einen sei das Einkommen in Ostdeutschland niedriger als im Westen, es bliebe mithin auch weniger finanzieller Spielraum über das Notwendigste hinaus. Zum anderen hielten die Menschen in den neuen Bundesländern ihr verfügbares Budget häufiger als ihre Pendants im Westen liquide. Dies zeige der Spar- und Anlage-Index der Direktbank. Danach sei Liquidität für 71 % der Ostdeutschen wichtig, im Gegensatz zu den 62 % im Westen. Immerhin, sagt Schneider, legten andere Studien nahe, dass das Bewusstsein der Menschen über drohende Versorgungslücken keine regionalen Unterschiede kenne. Es sei deshalb eine stärkere Aufklärung über unterschiedliche Anlageprodukte gefragt. Eine Aufgabe, der sich Makler angesichts des Loslassens etlicher Lebensversicherer von klassischen Produkten ohnehin künftig verstärkt werden widmen müssen.

Und der Westen?

Unrühmliches Schlusslicht ist hier Gelsenkirchen, obgleich dort nur weniger als jeder Zweite Desinteresse am Thema erkennen lässt. Geradezu paradiesische Zustände finden Makler hingegen in drei Kreisen des Saarlandes. In Merzig-Wandern, dem Saarpfalz-Kreis und in St. Wendel können sich mindestens 86 % für das Thema Altersvorsorge begeistern, in St. Wendel sind es sogar knapp 90 %, der Kreis ist somit bundesdeutscher Spitzenreiter. „Im Saarland liegen Einkommen und Finanzaffinität über dem Bundesdurchschnitt. Die Bürger profitieren von diesen guten Rahmenbedingungen zur aktiven Vorsorge“, erklärt Daniel Schneider. Den drei genannten Kreisen dicht auf der Spur ist Ostfriesland, wo sich 85 % der Haushalte mit der eigenen Zukunftssicherung beschäftigen. Direkt darauf folgen mit Saarlouis abermals eine Stadt im Saarland, Freudenstadt in Baden-Württemberg, Schleswig-Flensburg in Schleswig-Holstein, Biberach in Baden-Württemberg und Neunkirchen, abermals im Saarland. In all diesen Regionen zeigen mindestens 80 % der Einwohner Interesse an Altersvorsorge bei mindestens 0,3 Kindern pro Haushalt, in den baden-württembergischen Kreisen sogar über 0,4. Im Vergleich der ostdeutschen Landkreise und kreisfreien Städte schneidet der Wartburgkreis in Thüringen am besten ab. Dort interessieren sich 58 % der Haushalte stärker für die Altersvorsorge (Platz 229). Die Anzahl der Kinder pro Haushalt liegt dort bei 0,29. (hwt)

Onlineausgabe 04/2015