Auf der Suche nach Value-Marathonaktien

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Ein gut trainierter Marathoni läuft das Rennen in einem Tempo und bleibt auch in Schwächephasen nicht stehen. Er setzt in Pausenzeiten kein Fett an und gibt das Training auch im Winter nicht auf.

(fw/rm) Gibt es am Aktienmarkt auch Unternehmen, auf die diese Analogie übertragbar ist und die einen Wettbewerbsvorteil entwickelt haben? In der Praxis zeigt sich, dass es erheblichen Einsatz erfordert, einen möglichen Wettbewerbsvorteil eines Unternehmens zu identifizieren. Dies ist mit Schnelltests und Checklisten (siehe Tabelle) üblicherweise nur als Näherungsverfahren möglich. Alternativ bietet sich der Einsatz eines Scorings an. In unseren regelmäßig erscheinenden Ausarbeitungen zu „Value-Marathonaktien mit Potenzial“ suchen wir systematisch von oben nach unten deutsche Unternehmen mit möglichen Wettbewerbsvorteilen. Wir haben dabei das VALUE MARATHON (VM)-Scoring eingeführt, bei dem ein Unternehmen für jedes der vergangenen 10 Jahre, in dem Umsatz, Gewinn (auf EBIT-Basis), Unternehmenswert (Enterprise Value) und Buchwert gesteigert wurde, je einen Punkt erhält. Ein Unternehmen, welches in jedem Jahr in jeder Kategorie zulegen konnte, würde entsprechend 40 Punkte bekommen. Wir verwenden das VM-Scoring heute als eines von mehreren Screeningkriterien zur Ermittlung des investierbaren Universums im Rahmen des DZ BANK VALUE IDEAS-Ansatz. Unser VM-Scoring ist einfach, bietet aber verschiedene Vorteile. Dazu gehört insbesondere, dass nur etablierte Unternehmen das Screening durchstehen und für weitere Untersuchungen in Frage kommen. Unternehmen, die erst seit kurzem an der Börse notiert sind (Abspaltungen, IPOs) fallen genauso durch das Raster wie vorübergehend beliebte „glamour stocks“, also Modeaktien. Im VM-Scoring bekommen diejenigen Unternehmen Punkte, die kontinuierlich gewachsen sind und nicht diejenigen mit hohen Umsatz- und Ertragsschwankungen. Die Kursentwicklung der Aktien über den 10-Jahreszeitraum wird nur informativ angegeben. Die Kursentwicklung einer Aktie ist stark abhängig vom gewählten Startund Endpunkt. Außerdem stehen die Unternehmen mit der besten Wertentwicklung im Fokus, nicht diejenigen mit der besten Kursentwicklung.

„Champions“ aus den Vorjahren dominieren das Ranking

Die Scoringtabelle auf der nächsten Seite zeigt eine Zusammenfassung, wie stabil die Aufwärtsentwicklung der deutschen Unternehmen bei den Parametern Umsatz, Gewinn, Unternehmens- und Buchwert innerhalb der vergangenen zehn Jahre war. Wir haben je einen Punkt für eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr in den verschiedenen Kategorien vergeben. In jeder Kategorie sind bis zu zehn Punkte erreichbar. Zur Analyse haben wir die Daten des Anbieters Bloomberg genutzt. Wir prüfen die Größe Buchwert je Aktie, die beeinflusst wird durch Veränderungen der Anzahl der ausstehenden Aktien, durch Kapitalerhöhungen und Rückkaufsprogramme. Insgesamt ist nicht zu 100% Verlass auf die Richtigkeit und Vollständigkeit der gelieferten Bloomberg-Daten. Einige Querchecks über andere Datenanbieter zeigen aber, dass die Auswertung einer hohen Zuverlässigkeit unterliegt. Den Sieg über die Marathondistanz teilen sich per Geschäftsjahresende 2015 die drei Unternehmen Wirecard, Fresenius und Fresenius Medical Care. Alle drei Unternehmen erreichen 39 von 40 möglichen Punkten. Sie konnten in jedem der vergangenen zehn Jahre die Unternehmensumsätze (zwischen 9,5 und 32%) und den Buchwert je Aktie steigern und erlitten lediglich bei der EBIT- (Fresenius) beziehungsweise Enterprise Value-Entwicklung (FMC, Wirecard) einen Punktabzug. Weitere „Champions“ mit einer sehr stabilen Entwicklung bei den betrachteten Fundamentaldaten sind Cancom, Fielmann, Nexus, Nemetschek, CTS Eventim, MTU Aero Engines, Grenkeleasing sowie Carl Zeiss Meditec, die alle mindestens 36 der 40 möglichen Punkt bekamen. Insgesamt 63 Unternehmen erhalten sehr gute Noten und bekommen mindestens 31 der 40 erzielbaren Punkte. Wie auch in den Vorjahren sind unter den Topwerten überproportional viele Gesellschaften aus den kleinen Marksegmenten (Mid- und SmallCaps), also der Basis der deutschen Industrie. Es handelt sich im Wesentlichen um bekannte „Hidden Champions“ (besser „Public Champions“). Viele dieser Unternehmen weisen eine langfristige Erfolgsgeschichte auf, wenn sie vielleicht nicht so bekannt oder groß sind wie die vielen Weltkonzerne im DAX. Nichtsdestotrotz gibt es unter den Marathon-AGs auch einige große Konzerne. Dazu gehören neben Fresenius / FMC u.a. auch Henkel, SAP, Merck, Adidas und Linde, die sämtlich mindestens 33 der verfügbaren 40 Punkte holten. Bemerkenswert ist, dass viele der Marathon-AGs einen dynamischen Wachstumspfad beschritten haben, ohne dabei ausschließlich auf Akquisitionen zu setzen. Viele Unternehmen haben ein hohes organisches Wachstum erzielt, indem sie frühzeitig auf internationale Märkte konzentriert haben. www.dzbank.de