Auf dem Prüfstand

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Die Bundesregierung will noch bis 2017 ein großes Revirement der Altersvorsorge beschließen. Nahezu kein Stein soll auf dem anderen bleiben. Es geht um die gesetzliche Rentenversicherung, aber auch um kapitalgedeckte Vorsorgeformen, wie die Riester-Rente oder die betriebliche Altersversorgung.

Nicht nur unabhängige Beobachter, sondern auch der Vertrieb warten gespannt auf die endgültigen Ergebnisse. Die finanzwelt hat im Vorfeld führende Köpfe der Branche um ihre Beurteilung gebeten. Im Mittelpunkt stand die Frage: „Mit welchem Maßnahmenpaket – inklusive bei der GRV – lässt sich die Altersabsicherung der Bundesbürger auf ein für alle auskömmliches Maß anheben? (hwt) Dr._Walter_BotermannDr. Walter Botermann Vorstandsvorsitzender ALTE LEIPZIGER-HALLESCHE Konzern In der jetzigen Diskussion ist eine Versachlichung dringend notwendig, damit das Vertrauen der Bürger in die Altersversorge nicht beschädigt wird. Die Riester-Rente ist weder gescheitert noch ungerecht; die gesetzliche Rente hat weder die Antwort auf alle Fragen noch ist sie aufgrund der demografischen Entwicklung eine Lösung zur Vermeidung von Altersarmut. Die betriebliche Altersvorsorge hat weite Kreise der Arbeitnehmer erreicht – statt sie zu beschädigen, sollte sie weiter ausgebaut werden. Private zusätzliche Absicherungen werden trotz Niedrigzinsphase und hoher Börsenvolatilität ein immer wichtigerer Anteil der Altersversorgung. Die gesetzliche Rente ist die Basis der Altersversorgung aller Arbeitnehmer. Zusätzlich müssen die Belastungen der betrieblichen Altersvorsorge, die heute als Hemmschuh wirken, überprüft werden. Zusätzlich sollte Personengruppen mit niedrigem Einkommen eine Förderung, vergleichbar der Riester-Rente, ermöglicht werden. Die immer wieder kritisierte Belastung der Versicherten in der Rentenphase durch Krankenversicherungsbeiträge aus den Leistungen muss stufenweise zurückgeführt werden, um die Motivation zur zusätzlichen Eigenverantwortung zu erhöhen. Durch eine einfachere Verwaltung durch die Anbieter von bAV-Leistungen könnte den Arbeitgebern die Sorge von bürokratischem Aufwand der bAV genommen werden. Die derzeitige Anzahl an Durchführungswegen ist völlig ausreichend, die Komplexität darf nicht weiter zunehmen. In der dritten Säule bedarf es zum einen der Fortführung der bisherigen Riester-Rente, die ebenfalls dynamisiert werden muss. Die Eigenverantwortung aller Bevölkerungsgruppen, die verschiedene Einkommensgruppen umfassen, muss durch Anreize für zusätzliche Sparprozesse zur Vermeidung von Altersarmut unterstützt werden. Die hierfür angebotenen Sparformen sind nicht nur klassische oder aktienfondsgebundene Rentenversicherungen, sondern auch der Erwerb von Immobilien. Jedoch darf der Sparprozess alleine nicht ohne die Sicherheit über die zu erreichende Leistungshöhe durchgeführt werden. Dt._Immo_DehnertDr. Immo Dehnert Leiter Kommunikation Wüstenrot & Württembergische AG Die gesetzliche Rente sinkt – nach aktuellen Berechnungen – von heute 48 % des Durchschnittslohns auf rund 43 % im Jahr 2030. Jeder Einzelne sollte daher auch privat vorsorgen, wenn er sich im Alter etwas leisten möchte. Ob die Vorsorge durch eine Immobilie, Lebensversicherung oder einem Fondssparplan geschieht, sollte jedem selbst überlassen bleiben. Wer im Alter zum Beispiel mietfrei wohnt, hat mehr von seiner Rente. Deshalb fördert der Staat Bausparen und Wohneigentum als wichtige Altersvorsorge. Zudem täte eine Aufstockung der Förderung der Riester-Rente gut. Denn sie ist erfolgreich – 16,5 Millionen Verträge wurden seit 2002 abgeschlossen. 40 % der Geringverdiener nutzen sie. Auch die betriebliche Altersvorsorge und die Vermögensbildung wären auszubauen, etwa bei der staatlichen Wohnungsbauprämie oder bei den vermögenswirksamen Leistungen. Alle diese Instrumente würden der privaten Altersvorsorge weiter Auftrieb geben – wer braucht dann noch einen Staatsfonds namens Deutschland-Rente? Markus DrewsMarkus Drews Hauptbevollmächtigter Canada Life Deutschland Steigende Lebenserwartungen und sinkende Geburtenraten bilden den Hintergrund, vor dem die Politik nun mutig und sozial ausgewogen nach bezahlbaren Lösungen suchen muss. Für gute Lösungsansätze muss jeder seinen Beitrag leisten: Staat, Beitragszahler wie Rentner, Junge wie Alte. Nur so kann dieser langwierige Prozess Erfolg haben, denn klar ist: Es gibt keinen Königsweg für eine faire Reform, sondern eher ein zu schnürendes „Paket der Unvermeidbarkeiten“. In dieses gehört für mich deshalb vor allem der konsequente Verzicht auf unbezahlbare Wahlgeschenke. Statt Anreize zur Frühverrentung braucht es eher die Anstrengung, Menschen zum Beispiel durch Prävention oder Umschulung fit im Job zu halten. Dazu angemessen steigende Rentenbeiträge, ein langsam sinkendes Rentenniveau – auch die Rente mit 70 darf kein Tabu sein. Die private Altersvorsorge hat die Kraft, den Staat zu entlasten. Ihre Attraktivität – privat oder über den Arbeitgeber – kann man aber zum Beispiel durch Steuervorteile noch deutlich steigern.