An Tagen wie diesen..

11:45 Uhr – Du und dein Chef

Normalerweise führt dein Boss kooperativ und respektvoll. Normalerweise. Heute leider nicht. Was ist passiert? Ein Kunde droht abzuspringen und der Chef hat ein Brainstorming-Meeting einberufen. Ziel: Wie kann der Kunde gehalten werden? Du kennst den Kunden gut und hast eine Idee. Doch als du sie vorstellst, rollt der Chef genervt die Augen, hält die Luft an und schüttelt den Kopf. Was ist nur los heute? Du spürst Scham und Schuld und auch Angst vor Ablehnung. Dir fehlen die Worte. Du schweigst wie vorhin beim Busfahrer, statt für deine Rechte einzustehen: Es ist dein Recht, offene und wertschätzende und konstruktive Rückmeldungen zu bekommen. 

Schweige nicht, sprich. Und wenn du sprichst, sprich sachlich, lösungsorientiert und fragend. Ermögliche deinem Gegenüber, dass es wieder wie ein reflektierter und befreiter Erwachsener über das spricht, was los ist, ohne von oben oder von unten den anderen beschämen zu wollen. Die Hinwendung zur gewaltfreien Sprache (auch »Gewaltfreie Kommunikation« nach Rosenberg) ist zwar durchaus einfach zu verstehen, sie ist aber in der Regel überhaupt nicht leicht zu verwenden, weil wir in aufgewühlten Momenten einfach vergessen, auf der Beobachtungs- und Bedürfnisebene zu bleiben, sondern uns verleiten lassen, verbal zurückzuschlagen. Wie wir gesehen haben: Es kann sich aber enorm lohnen, diesen unkonventionellen Weg zu beschreiten.

13:15 Uhr – Du und deine Kollegin

Das Meeting ist zu Ende und der Auftrag ist klar: Der Kunde soll eine E-Mail und eine Stunde später einen Anruf erhalten. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwieriger als gedacht. Es bricht zwischen dir und deiner Kollegin ein Streit über die Ebene der Zuständigkeit aus. Ein sicher leicht zu lösender Konflikt, doch die Kollegin lässt scheinbar gar nicht mehr mit sich reden. Jedes Mal, wenn du ansetzt, um deine Argumente vorzutragen, schreitet sie nach vier bis fünf Sekunden ein und unterbricht dich. Schon wieder kommst du dir vor wie ein kleiner Junge, der auch dies mit sich machen lässt. Du kochst innerlich, doch du hast Angst, zum aufbrausenden Gorilla zu werden.

Wenn dich jemand unterbricht, unterbrich ihn. Radikal. Zeige das unerwünschte Verhalten im unmittelbaren Spiegel. Falls das nicht hilft, sprich es mithilfe einer rhetorischen Frage an: »Unterbrichst du mich gerade?« Falls der andere einsichtig ist und dich wieder sprechen lässt, wunderbar, sprich und lass dich auf keinen Fall noch einmal unterbrechen. Falls der andere keine Einsicht zeigt, dann leg nach: »Wie, das soll kein Unterbrechen sein? Wie würdest du das denn nennen, wenn du sprichst und dein Gegenüber wartet nicht aufs Ende? Na klar ist das Unterbrechen. Ich fasse mich so kurz wie möglich und erwarte, dass du das gut aushalten kannst. Ich kann es umgekehrt auch aushalten.« So viel Klarheit sollte reichen.

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