Aktienmärkte verharren im Zyklus von Hoffen und Bangen

Lukas Daalder

Märkte im Wartemodus: Brexit, Notenbanksitzungen, die Wahl in Spanien. „Die Aktienmärkte sind in einem klassischen Zyklus von Hoffen und Bangen gefangen, während die Anleger vor mehreren bedeutenden Ereignissen stehen”, analysiert Lukas Daalder.

Der Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions geht davon aus, dass nur ein unerwartetes Ereignis – wie ein tatsächlicher Brexit – die Finanzmärkte in eine neue Richtung lenken könnte. Strukturelle Faktoren wie die Ölpreise oder die US-Wirtschaft beurteilt Daalder dagegen eher positiv. „Im Mai bewegten sich die Aktienkurse in einem engen Korridor von einem Prozent seitwärts und konnten sich offensichtlich nicht entscheiden, ob die Zukunft positiv oder negativ sein wird”, resümiert Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions. Aktuell sorgen sich Anleger hinsichtlich des Brexit-Referendums und anderer Ereignisse, die die Märkte bewegen könnten. Dazu gehören die Sitzungen der Notenbanken der Eurozone, der USA und Japans, Parlamentswahlen in Spanien, ein wichtiges Urteil des deutschen Bundes-verfassungsgerichts über die Staatsanleihekäufe der EZB und die US-Präsidentschaftswahlen im November. Erwartet wird, dass diese Ereignisse ohne große Folgen für die Anleger vorübergehen werden. „Eher strukturelle, langfristige Faktoren wie die Entwicklung der Ölpreise und die Verfassung der USWirtschaft geben Anlass zur Hoffnung”, meint Daalder. „Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Finanzmärkte eine abwartende Haltung eingenommen haben”, so Daalder weiter. „Im Mai lagen die Aktienkurse beispielsweise zum Monatsende leicht im Plus, wobei die Kursbewegungen im Monatsverlauf weder extrem waren, noch eine klare Richtung hatten.” Das wirft die Frage auf, worauf die Märkte eigentlich warten: auf den Ausgang mehrerer wichtiger Ereignisse wie des britischen Referendums über den EU-Austritt, der Notenbanksitzungen oder der Wahlen in Spanien? Brexit würde insbesondere europäische und britische Aktien bewegen „Ein unerwartetes Ergebnis bei einem dieser Ereignisse könnte die Finanzmärkte sicher in eine neue Richtung lenken. Nach unserer Erfahrung halten sich die Märkte aber selten an den Kalender, wenn sie entscheiden, wohin ihr nächster Schritt geht. Wohlgemerkt: Wir sind uns ziemlich sicher, dass ein negatives Ergebnis des britischen Referendums ein großes, die Märkte bewegendes Ereignis wäre – zumindest was europäische und britische Aktien angeht”, so Daalder, während ein Sieg des Pro-EULagers ein Stück weit für Entspannung sorgen könnte. „Das Referendum ist sicher wichtig. Das heißt aber nicht, dass die Aktienkurse in Bewegungslosigkeit verharren und darauf warten werden, dass etwas geschieht.” Viele erwarten, dass die Briten am 23. Juni für den Verbleib in der EU stimmen werden, auch wenn die Buchmacher ein solches Ergebnis für wahrscheinlicher halten als die Meinungsumfragen, die einen knapperen Sieg vorhersagen. Andere in nächster Zeit anstehende Ereignisse könnten sich Daalder zufolge als unaufregend erweisen. „Wenn wir uns die Termine im Kalender ansehen, rechnen wir eigentlich nicht mit allzu großem Wirbel”, sagt er. „Die Wahlen in Spanien werden wahrscheinlich ähnliche Ergebnisse liefern wie die letzten, und die US-Notenbank Fed dürfte ihre nächste Zinserhöhung um einen weiteren Monat verschieben. Und es ist kaum zu erwarten, dass das Urteil des Bundesverfassungs-gerichts zu den gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften der EZB wirklichen schicksalsentscheidend sein wird.” Daalder hält das Referendum in Großbritannien für den wichtigsten Punkt auf der Liste. Aber selbst hierbei falle es schwer zu glauben, dass die Mehrheit der britischen Wähler für einen EU-Austritt stimmen wird. „Als EUMitgliedstaat genießt Großbritannien in zweifacher Hinsicht Vorteile. Es ist eine sehr wettbewerbsfähige Volkswirtschaft im größten Binnenmarkt der Welt, besitzt aber nach wie vor seine eigene Währung und macht seine eigene Geldpolitik. Ein Mehrheitsvotum für den Austritt hätte Chaos zur Folge und würde die Märkte erheblich in Mitleidenschaft ziehen”, führt Daalder aus. Chinas Konjunktur und Verschuldung der US-Unternehmen bereiten Sorge Worauf warten die Märkte denn dann? „Es ist das übliche Tauziehen zwischen Hoffen und Bangen, wobei mit Chinas Wirtschaftswachstum und der Verschuldung der USA einige der ‚üblichen Verdächtigen’ dabei sind”, sagt Daalder. „Mit Blick auf die Aktienmärkte würden wir sagen, dass sie gegenwärtig zwischen Hoffen und Bangen hin und her gerissen sind und keines dieser Gefühle die Oberhand gewinnen kann.” Was das Bangen angeht, gebe es viele Dinge, die die Aktienmärkte auf Talfahrt schicken könnten: Wie sich in den ersten sechs Wochen dieses Jahres gezeigt hat, könnten ein Glaubwürdigkeitsverlust der Notenbanken, Unsicherheit über die mittelfristigen Konjunkturaussichten in China und der erhebliche Schuldenanstieg bei US-Unternehmen, verbunden mit einer Zunahme von Adressenausfällen, die Märkte massiv nach unten ziehen, wenn sie alle zur gleichen Zeit auftreten. „Diese Bedenken sind zurzeit vielleicht etwas in den Hintergrund getreten. Sie sind aber sicher nicht gelöst und könnten deshalb wieder aufflackern. Zudem waren die Marktbewegungen zum Jahresbeginn wie ein Weckruf, der deutlich gemacht hat, dass es eine sehr volatile Angelegenheit sein kann, in Aktien zu investieren – ein weiterer Aspekt, der die Anziehungskraft dieser Anlageklasse verringert haben dürfte. Hinzu kommt, dass die Ertragskraft der Unternehmen weiter abnimmt. Dies zeigt sich auch daran, dass die Gewinne je Aktie in den verschiedenen Regionen, für die MSCI-Indizes veröffentlicht werden, gemessen an den bisher erreichten Höchstwerten, zurückgegangen sind”, so Daalder. Ölpreisentwicklung und US-Wirtschaft dürften sich auf lange Sicht positiv auswirken Angesichts dessen könnte man fragen, warum sich Aktien überhaupt erholt haben. Hier kommt Hoffnung ins Spiel: „Die Aktienmärkte sind dafür bekannt, dass sie in die Zukunft blicken und in der Lage sind, allen widrigen Umständen zum Trotz zu steigen. Teil dieser Hoffnung ist, dass einige Sorgen, die die Märkten belastet haben, schwinden”, so Daalder. Der Robeco-Experte erwartet, dass sich zwei Faktoren auf lange Sicht positiv auf Aktien auswirken werden – der Ölpreis und die Tatsache, dass die US-Wirtschaft in keine Rezession geglitten ist. „In den ersten 3 Monaten dieses Jahres war Öl das beherrschende Thema, und jede Bewegung bei den Ölpreisen löste eine vergleichbare Bewegung der Aktienkurse aus. Da der Ölpreis zurzeit bei um die 50 US-Dollar pro Barrel liegt, gehen von ihm nicht mehr dieselben Risiken (Konkursfälle) aus wie noch im Februar”, kommentiert Daalder mit Blick auf die Ölpreisentwicklung.

Marktkommentar von: Lukas Daalder Robeco Investment Solutions