Aktien: Rücksetzer im Aufwärtstrend

Und das nicht zu Unrecht: Denn schließlich werden viele Assetklassen im Moment maßgeblich von den Notenbanken beeinflusst bzw. provokativer ausgedrückt: verzerrt. So hat die Europäische Zentralbank die Renditen deutscher Staatsanleihen inzwischen bis in den 10-jährigen Laufzeitenbereich an bzw. unter die Nullrendite gedrückt. Ähnlich drastisch stellt sich ihr Einfluss bei den Renditeaufschlägen von Unternehmensanleihen dar. Mit ihren 80 Mrd. Euro schweren monatlichen Käufen nimmt sie den Investoren eine Renditequelle nach der anderen. Umso erstaunlicher verlief die letzte Notenbanksitzung Mario Draghis (EZBPräsident). Denn obwohl die massiven Kaufprogramme ohne eine weitere EZB-Entscheidung im März enden würden und bis dahin nun nur noch drei Notenbanksitzungen verbleiben, äußerte er sich nicht zu einer möglichen Fortsetzung. Ganz im Gegenteil versuchte er den erstaunten Journalisten sogar klar zu machen, dass in der internen Sitzung der EZB nicht einmal über das Thema gesprochen worden sei. Daneben wurde auch an keinen anderen wichtigen Stellschrauben gedreht. Verständlicher ist da schon die gestrige Entscheidung der britischen Notenbank (BoE), ebenfalls keine Änderungen ihrer aktuellen Geldpolitik vorzunehmen. Denn schließlich hatten die dortigen Zentralbänker ja bereits kurz nach dem Brexit-Votum mit einer Zinssenkung und einer Erweiterung ihrer Anleihekaufprogramme reagiert. In der gestrigen Erklärung signalisierten sie aber ihre Bereitschaft, bei Bedarf weitere Stützungsmaßnahmen durchzuführen. Die Augen richten sich nun wieder auf die US-Notenbank, die neben der japanischen Notenbank als nächste im Reigen der Zentralbanken die Möglichkeit hätte, ihre Zinsvorgaben zu ändern. Allerdings wäre eine Zinserhöhung schon am nächsten Mittwoch als Überraschung zu werten, liegen doch die eingepreisten Wahrscheinlichkeiten für diese Anpassung aktuell nur noch bei 18 Prozent. Losgelöst von der Betrachtung der Notenbankpolitik waren zuletzt etwas schwächere volkswirtschaftliche Daten aus den USA zu vernehmen. So fielen vielbeachtete Einkaufsmanagerindizes sowohl im verarbeitenden als auch im Dienstleistungssektor überraschend deutlich. Das war insofern überraschend, als andere Indikatoren eine solche Abschwächung bislang nicht zeigen. Auch deuten die weiter soliden Konsum- und Arbeitsmarktwerte keine wirtschaftliche Abkühlung an. Unternehmensseitig steigen die Ergebnisschätzungen der Analysten weiter. In Europa richten sich die Augen insbesondere auf mögliche Brexit-Auswirkungen. Die gute Nachricht ist hierbei, dass sich im Augenblick innerhalb Großbritanniens noch nicht die befürchtete Investitionszurückhaltung zeigt. Dies gilt auch für Deutschland, obwohl die Auftragseingänge jüngst die Erwartungen enttäuschten. So zeigten sich zuletzt die Auftragseingänge aus dem Ausland zwar eher stabil, während allerdings eine leichte Eintrübung im Inland festzustellen war. Dies beruht aber zu großen Teilen auf statistischen Effekten und sollte deshalb nicht zu negativ gesehen werden. Die Einzelhandelsumsätze innerhalb Kontinentaleuropas zeigen eine weiter sehr positive Entwicklung. Der Rentenmarkt steht nun vor dem Scheideweg. Werden die Renditen weiter durch die EZB gedrückt, oder wird der Rentenmarkt eine gewisse Normalisierung schaffen und auf leicht steigende Inflationserwartungen reagieren? Zumindest kam in den letzten Tagen wieder etwas Bewegung in die ansonsten wie festgenagelten Renditen, so dass die 10-jährige Bundrendite von -0,12 Prozent auf + 0,08 Prozent anstieg. Unternehmensseitig präsentieren sich die Ergebnisschätzungen der Analysten in Europa uneinheitlicher als in den USA. Dass die Marktteilnehmer inzwischen aber hauptsächlich an den Lippen der Notenbänker hängen, zeigte sich in den letzten Tagen. Schon Veränderungen in den Formulierungen einzelner US-Zentralbankmitglieder führen zu deutlichen Kursschwankungen an den Aktienmärkten. So fielen die US-Indizes von ihren erreichten Allzeithochs wieder etwas zurück. Nichtsdestotrotz bleiben die mittelfristigen Trends intakt und die Bewertung in Relation zum Rentenmarkt attraktiv. Auch in den Schwellenländern setzen sich die Erholungsbewegungen fort, weshalb wir in den von uns betreuten Mandaten die Quote der dortigen Aktieninvestments leicht erhöht haben. Im Gegenzug raten wir aber, weiterhin Defensivkomponenten, wie z.B. Gold, im Portfolio zu behalten. Denn noch gibt es viele potentielle Stolpersteine auf dem Weg voraus, so dass es immer wieder zu Verunsicherungsreaktionen kommen wird.

Autor ist Jens Herdack, CEFA, CIIA, Weberbank

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