2016 – Ein Jahr der Trendwenden?

Seit der letzten Finanzkrise 2008/09 haben sich wichtige Anlageklassen außergewöhnlich gut entwickelt.

Die Bund-Umlaufrendite hat sich von 4,75 Prozent auf 0,4 Prozent etwa gezehntelt, DAX und DOW zirka verdreifacht, der US-Dollar ist gegenüber dem Euro um über 30 Prozent gestiegen. Nun sehen wir erste Anzeichen, die die Fortsetzung dieser Trends in Frage stellen.

Recht einheitlich ist die Ansicht, dass die Zinsen nicht steigen werden, weil sie nicht steigen dürfen. Das Vertrauen in die Notenbanken ist groß. Obwohl der High-Yield-Index schon unter das Tief aus 2011 gefallen ist. Wenn man da die Rechnung mal nicht ohne den Wirt (Rentenmarkt) gemacht hat. Gerade hier ist zweifelsfrei eine „Blase“ entstanden.

Auch die Aktie gilt weiterhin als alternativlos. Die Dividendenrendite ist ja auch gravierend höher als bei Festzinsanlagen. Trotz der Kursrückgänge von zehn Prozent (DOW) bis 20 Prozent (DAX) ist der Optimismus Rekord verdächtig hoch. In den USA kommt hinzu, dass die Aktienkäufe mit 471 Mrd. (Okt. 15) deutlich höher Kredit finanziert sind, als in den Crashjahren 2000 (278 Mrd.) und 2007 (381 Mrd.).

Beim US-Dollar glauben ca. 90 Prozent der Marktteilnehmer an eine weiter feste Entwicklung zum Euro. Weit verbreitet ist auch die Prognose, dass der Ölpreis ebenso wenig steigt wie die Rohstoffpreise und die Inflationsrate. Daher bleiben auch die Edelmetalle schwach, obwohl der Geldwert in einem bisher nicht gekannten Ausmaß vernichtet wird und Schulden erheblich schneller steigen als das Wachstum.

In der Vergangenheit war es oft so, dass, wenn Trends lange genug gelaufen waren, die Stimmung extrem positiv war, obwohl die eine oder andere Eintrübung schon zu sehen war. Wenn es dann an der Börse anders kommt als geplant, ist die Überraschung groß und am Anfang auch unverständlich.

Obwohl der tiefe Ölpreis für die Wirtschaft grundsätzlich positiv ist, könnte er zum Stolperstein werden. Denn für die Fracking-Industrie sind Kurse unter 50 US-Dollar Existenz gefährdend. Wenn 2016 die Forward-Verkäufe zu noch hohen Preisen auslaufen, sind etliche dieser Firmen nicht überlebensfähig.

Wie das Tief beim High-Yield-Index schon andeutet, muss mit 200 bis 800 Mrd. Ausfälle bei deren Anleihen gerechnet werden, die in den Depots der Banken, Rentenfonds, Pensionsfonds sowie Hedgefonds liegen. Eine solche Entwicklung wird auch den allgemeinen Rentenmarkt tangieren und hat höhere Zinsen zur Folge.

Deutlich steigende Zinsen sind aber Gift für die Aktienmärkte, die sich dann auch noch „Gedanken“ über die Finanzbranche machen. Zumal der eine oder andere Effektenkredit plötzlich „problematisch“ einzustufen ist. Inwieweit die Kurse einbrechen wird von einem weniger bekannten Teil der Kapitalmärkte entschieden: Den Derivaten! Dieser Markt hat sich auf ca. 750 Billionen (Sie lesen richtig) angehäuft.

Die amerikanische FED wird mit Zinserhöhung Rücknahme und einem QE 4 reagieren. Die Anleger revidieren ihr Vertrauen in den US-Dollar. Er wird schwach und verliert seinen Status als „Save Heaven“. Dieser wechselt ansatzlos in das Anlagesegment Edelmetalle und sorgt für einen kräftigen Preisanstieg.

Nachdem klar ist, dass am Ölmarkt das Angebot aus der Fracking-Industrie massiv einbricht, steigt plötzlich sein Preis. In dessen Windschatten erholen sich auch die anderen Rohstoffpreise. Nun wird der zunächst Basis bedingte Anstieg der Inflationsrate durch die Preisentwicklung der Rohstoffe verstärkt und übersteigt das „Ziel“ von zwei Prozent. Zinserhöhungen der Notenbanken sind in diesem Umfeld undenkbar. Fast alle Marktteilnehmer liegen falsch. Fast wie immer.

Hier will ich meinen Gedankengang enden lassen. Denn der „Domino-Day“ wäre jetzt nicht mehr tabu. Aber ich bin Optimist. Und es wird ja nichts so heiß gegessen als gekocht. Aber das Szenario ist logisch, an der Börse denkbar und unerfreulich, ja fast Horror. Sie müssen es ja auch nicht glauben. Aber Sie sollten darauf vorbereitet sein. Eine erneute Risikoüberprüfung des Vermögens zu Jahresbeginn ist Pflicht. Den Lesern empfehle ich einen Vermögens-Check.

Autor: Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter bei der I.C.M.