10 Jahre nach Lehman

Thomas Buckard, Vorstand der Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen AG (kurz: MPF AG) / Foto: © MPF AG

Was sind die prägendsten Erinnerungen an die Zeit der Finanzkrise rund um den Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008? Läuft seit dem etwas anders und gibt es derzeit Gefahren, an denen sich eine neue Finanzmarkt-Krise entzünden könnte?

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15. September 2008 markierte einen regelrechten Tischkantenabsturz: Viele Anleger stornierten die Bestellungen von Luxusgütern, verzichteten auf den Hauskauf und ich selber sagte eine Ferienreise ab, um für unsere Kunden da sein zu können. Es schien ein Déjà-vu zu sein und doch war einiges ganz anders.

In den Jahren um 2001, die als „Dotcom-Blase“ in die Finanzgeschichte eingingen, hatten wir es mit exogenen Faktoren als Auslöser zu tun. Zum Beispiel mit kriminellen Scheingeschäften, die Unternehmensbewertungen manipulierten. Das Besondere an der Finanzkrise ab 2008 war der vollständige Vertrauensverlust in das etablierte Finanzsystem. Selbst risikoreduzierende Anlagestrategien fuhren deutliche Verluste ein. Keiner gab mehr etwas auf Sicherheitskomponenten. Wir schauten alle hilflos mit an, wie der Tsunami heran rollte und waren bemüht, wenigstens den Kopf über Wasser zu halten.

Das Ausmaß der Katastrophe wurde erst sichtbar, nachdem das Wasser wieder abgelaufen war, nachdem wir also die Talsohle erreicht hatten. Zurück blieben Privatinsolvenzen und Staatsschulden, Wirtschafts- und Währungskrisen, Rezession und Rettungsschirme. Auch die Nullzinspolitik der Notenbanken und die verstärkte Regulierung der Märkte beschäftigen und bis heute. Die Staatsgarantie für Spareinlagen, von Bundeskanzlerin Merkel formuliert, ging in die Geschichte ein. In den Jahren meiner Tätigkeit an den Finanzmärkten war das ein einmaliges Ereignis, das sich hoffentlich nicht wiederholt.

Wir haben damals gelernt, dass Qualität und Werthaltigkeit sich immer durchsetzen. Wer auf die Zusammenarbeit mit Investmentbanken wie Lehman Brothers und anderen verzichtet hatte, konnte sich schneller wieder erholen. Man muss und sollte nicht alles machen, was möglich ist. Wer sich zum Beispiel bei der Auswahl von risikoreduzierenden Zertifikaten auf Universalbanken konzentrierte, erzielt zwar nicht die allerhöchsten Renditen, riskiert andererseits auch keinen Totalverlust.

Was wir ebenfalls gelernt haben ist, wie wichtig Informationen und Transparenz sind. „Wo Informationen fehlen, wachsen die Gerüchte“, meinte bereits der italienische Schriftsteller Alberto Moravia im ausklingenden 19. Jahrhundert. Und tatsächlich haben die Anleger, die schnell und umfassend über die aktuelle Situation informiert wurden, die Krise einfach ausgesessen, mit dem Ergebnis, dass sie ihre Verluste wieder wett machen konnten. Andere, die in Panik auf den Tiefstständen aus den Märkten ausgestiegen waren, sind wahrscheinlich heute noch traumatisiert. Insbesondere diejenigen, die bereits die Krise um 2000 durchlitten haben.

Wenn aber ein Aufschwung lange genug andauert, so wie jetzt, verblasst die Erinnerung und die Risikoneigung nimmt wieder zu. Das erkennen wir jetzt wieder daran, dass Tech-Aktien immer gefragter werden. Bei vielen Anlegern waren die Lerneffekte nicht von Dauer. Die Märkte werden wieder Krisen erleben, deshalb hilft es, sich stärker mit den möglichen Risiken zu beschäftigen.

Wir kennen bereits alle bösen Vorzeichen: Brexit, Streit um Handelszölle, Verschuldungsproblematik. Diese Themen scheinen bereits in den Märkten eingepreist zu sein. Die allmählichen Zinsanstiege und niedrige Arbeitslosenquote, besonders in den USA, begünstigen zwar die Inflation, die Unternehmensgewinne dagegen entwickeln sich weitestgehend positiv. Zugegeben: Nach zehn Jahren Aufschwung seit Lehman Brothers wird die Luft an den Finanzmärkten allmählich dünner.

Krisen werden in der Euphorie geboren und Euphorie gibt es momentan nicht. Ein schwarzer Schwan kann die Märkte durcheinander rütteln, aber diese hübschen Tiere kommen und gehen wie sie wollen – und tauchen meist dort auf, wo wir sie nicht vermuten.

Kolumne von Thomas Buckard, Gründungsmitglied der Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen AG (kurz: MPF AG) aus Wuppertal