Wer kein Gold hat, den bestraft der Markt

Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH / Foto: © I.C.M.

Irgendwann kommen jetzt „goldene“ Zeiten (Goldpreis steigt). Eigentlich sollten wir uns diese gar nicht wünschen. Sie wären mit gravierenden Problemen am Finanzmarkt verbunden. Aber der Kapitalmarkt ist kein Wunschkonzert. Er reagiert auf eine Vielzahl von Erwartungen, Ereignissen und irgendwann auf die Realität. Seien Sie vorbereitet. Lassen Sie sich nicht einlullen.

Besonders gefährlich für die Börsenkurse sind „schwarze Schwäne“. Der Begriff beinhaltet Entwicklungen, die niemand erwartet hat und deshalb kaum ein Anleger darauf vorbereitet ist. Fast alle werden „auf dem falschen Fuß“ erwischt und müssen ihre Vermögensanlagen den neuen Bedingungen anpassen. Bei den inzwischen irrsinnigen Geldmengen wird dies einhergehen mit exzessiven Kursausschlägen. Wohl dem, der bereits darauf vorbereitet ist.

Derzeit sollten sich die Anleger vor zwei schwarzen Schwänen besonders fürchten:

  1. Deutlich weniger Wachstum als erwartet.
  2. Deutlich höhere Inflation als erhofft.

Einer der größten Einflussfaktoren für Wachstum und Inflation ist die Geldmenge. Auch die Deutsche Bundesbank versuchte früher mittels Geldmengenausweitung in Rezessionen die Wirtschaft wieder anzukurbeln, mit dem Ziel, einen selbsttragenden Aufschwung zu generieren. Im Erfolgsfall „sammelte“ sie die Geldmenge durch kräftige Leitzinserhöhungen wieder ein, um einen überschießenden Boom (Inflationsgefahr) zu verhindern.

Jetzt warnt sogar die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor den verheerenden Folgen der Notenbankpolitik. Denn seit der letzten Finanzkrise haben alle Notenbanken die Geldmengen massiv ausgeweitet. Allerdings ist ein selbsttragender Aufschwung nie richtig gelungen, sondern das zu geringe Wachstum musste mit weiteren Geld- und Kreditausweitungen am Laufen gehalten werden. Leistungsschwache Staaten mussten –verbotener Weise- durch die EZB finanziert werden. Reformen sind entfallen. Die erschreckende Realität:

  1. Der Schuldenberg wuchs deutlich schneller als die Wirtschaft
  2. Die Schulden vieler Staaten sind nur noch durch Zinsen nahe Null finanzierbar.

Damit sind Geldmengen- und Schuldenausbau keine kurzfristigen Maßnahmen mehr, sondern mittlerweile Selbstzweck. Aber ist denn geringeres Wachstum derzeit eine Option? Nehmen wir die größte Volkswirtschaft, nämlich die USA und werten Sie folgende Faktoren selbst: Die Renditen der langfristigen Zinsen fallen, Rückgang der Kreditvergaben, Wachstum 1. Quartal 2017 nur 1,7 Prozent (statt mehr als 3 Prozent), der Einzelhandel stagniert ebenso wie die Baubranche, der Lagerbestand „Auto“ steigt auf 13-Jahreshoch, der IWF hat die Wachstumsprognose für 2018 auf 2,1 Prozent gesenkt, Rekordausgaben des Staates für Lebensmittelzuschüsse, die Ausfallquote aus Kreditkarten-Schulden ist auf den höchsten Stand seit 2012 gestiegen. Etwa ein Drittel der Amis sind mit ihrer Schuldentilgung im Rückstand. Sowohl die Autokredite (1,6 Bill.) als auch die Studentenverschuldung (1,4 Bill.) sind auf Höchstniveau. Die Bildungskosten explodieren genauso wie die für das Gesundheitswesen. Auch die Mieten haben sich rasant verteuert. Dagegen ist gemäß einer McKinsey-Studie vom Juni der Anteil der Haushalte mit stagnierendem bzw. fallendem Einkommen gravierend gestiegen. Das Fazit daraus: Eine Rezession oder die Reduzierung der Geldmenge hätte fatale Auswirkungen sowohl auf das Bankensystem als auch für die globalen Länderfinanzierungen und im Endeffekt auf das gesamte Finanzsystem. Besonders in den USA muss man davon ausgehen, dass auf Wachstumsenttäuschungen ein weiteres QE folgt. Daraus resultierend eine gravierende Abschwächung des US-Dollars und damit ein nicht beherrschbarer Anstieg der Inflationsraten, zumal kräftige Zinserhöhungen undenkbar sind (die Peanuts Erhöhung vom Juni war nur eine Nebelkerze). Der Goldpreis würde explodieren. Aber warum sollte der Goldpreis explodieren? Nun, die Anleger besitzen weniger als ein Prozent ihres Vermögens in Gold. Sie kaufen lieber Aktien, auch teure und dividendenlose wie Alphabet (PE 28), Facebook (PE 38), Amazon (PE 189) oder Netflix (PE 217) die sog. „Faang-Aktien“. Nur Apple ist „normal“ bewertet. Und oft werden Aktien auf Kredit gekauft. Auch die Lombardhöhe erreicht ein All-Time-High: 549 Mrd.!!! Gleichzeitig liegt das „Angstniveau“ (s. V-DAX) auf Tiefstkurs. Eine trügerische Sorglosigkeit. Roland Baader sagte einmal: Mitten im ausgelassenen Sommerfest beginnen die Feinfühligen zu frösteln.

Seit etwa 2009 wird physisches Gold vom Westen verkauft und vom Osten (unter anderen China und Russland) dankbar aufgenommen. Da diese Länder das Gold aus strategischer Sicht kaufen, trocknet dieser Markt immer weiter aus. Sollte ein schwarzer Schwan auftreten (die Wahrscheinlichkeit steigt), werden viele Anleger ihren Goldanteil erhöhen wollen. Dann trifft eine noch nie vorhandene Geldmenge auf relativ wenig Gold. Eine Preisexplosion wäre eine „normale“ Marktreaktion. Vielen Anlegern wird der Preis zu schnell steigen, sie werden Gold dann als zu teuer empfinden und den Einstieg letztendlich verpassen. Deshalb ist heute ein sehr guter Kaufzeitpunkt, auch wenn ein wenig Geduld vonnöten sein kann. Doch es ist besser eine Versicherung zu haben, die man nicht in Anspruch nehmen muss, als irgendwann festzustellen, dass man eine bräuchte und keine hat.

Für ein Goldinvestment zwei grundsätzliche Faktoren: Gold ist eine Versicherung gegen Wertverluste und der Preis reagiert positiv auf systemische Risiken und/oder steigende Inflation (negative Realzinsen). Wer Gold nicht kauft, weil es keine Zinsen zahlt, hat den Sinn von Gold nicht verstanden (gilt auch für Bankanalysten). Gold dient der Werterhaltung. Wer es nicht glaubt, soll nachrechnen: Wer mit der Schuldenfreigabe 1971 (Bretton Woods) Gold gekauft hat, erzielte bis heute eine Wertsteigerung von ca. acht Prozent im Jahr. Kein schlechtes Ergebnis, auch ohne Zinsen.

Wer soll denn jetzt noch für Wachstum sorgen? Auch der Staat ist heute mit 105 Prozent zum BIP verschuldet. Die Trump-Programme wurden auch nach acht Monaten noch nicht angegangen und wie sie finanziert werden sollen, steht noch in den Sternen. Bis jetzt hinterlässt Trump nur eine Spur des Scheiterns.

Die Notenbanken sind in ihrem selbst geschaffenen Teufelskreis gefangen. Denn die Geldmengen wurden nicht in die Wirtschaft investiert, sondern schwerpunktmäßig Länderschulden finanziert. So auch zum Beispiel in Griechenland, wo 94 Prozent der Kredite nicht im Haushalt gelandet sind, sondern Staatsanleihen getilgt wurden, damit Spekulanten (u.a. Soros, Buffett), Banken und Hedgefonds ja kein Geld verlieren. Dafür geht auch Dank an Herrn Schäuble.

Kolumne von Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter,
I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH