USA: Wann kommt die große Inflation?

Axel D. Angermann, Chefvolkswirt von FERI / Foto: © FERI

Ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die jüngsten Turbulenzen an den Märkten sind gestiegene Inflationserwartungen, insbesondere in den USA. Die Argumentation geht so: Die robuste Wirtschaftsentwicklung treibt die Nachfrage nach Arbeitskräften und damit die Löhne nach oben. Es wird mehr konsumiert, die Unternehmen können ihre Preise erhöhen. Auf die daraus resultierenden Inflationsgefahren reagiert die Notenbank mit einer noch stärkeren Straffung der Geldpolitik. Die steigenden Zinsen wiederum gefährden den Aufschwung und lassen die Gewinnprognosen der Unternehmen früher oder später Makulatur werden. Hohe Aktienbewertungen wären dann nicht mehr gerechtfertigt.

Die Argumentation erscheint auf den ersten Blick einleuchtend, doch auf die aktuelle Situation trifft sie nur zum Teil zu. Richtig ist, dass in den USA praktisch Vollbeschäftigung herrscht. Richtig ist auch, dass inzwischen ein Trend zu höheren Lohnzuwächsen erkennbar ist. So hatte die Meldung, dass die Wochenlöhne für den Monat Dezember um 2,9 Prozent über dem Vorjahreswert liegen, die Spekulationen über einen bevorstehenden deutlichen Anstieg der Inflation erst ausgelöst. Eine solche Lohnzuwachsrate ist allerdings selbst für den Zeitraum seit der Finanzkrise im Jahr 2008 nicht besonders hoch. Der Reallohnzuwachs der amerikanischen Beschäftigten liegt damit immer noch bei weniger als einem Prozent. Hinzu kommt, dass Globalisierung und Digitalisierung die Lohnentwicklung dämpfen. Ein exzessiver Konsumboom aufgrund stark steigender Löhne ist angesichts dessen zumindest vorerst nicht zu erwarten.

Keine Anzeichen für deutlichen Inflationsschub

Auch ein Inflationsschub, der aus Kapazitätsengpässen resultiert, ist derzeit nicht sehr wahrscheinlich. Zwar ist die Kapazitätsauslastung der US-Wirtschaft in den vergangenen Monaten um zwei Prozentpunkte angestiegen, liegt damit aber immer noch um mehr als zwei Prozentpunkte unter ihrem langjährigen Durchschnitt. Bleibt noch der Einfluss der Importpreise auf die Inflation. Hier schlägt sich die spürbare Abwertung des Dollar seit einem Jahr in steigenden Importpreisen nieder. Dennoch ist der aktuell zu beobachtende Anstieg um drei Prozent zum Vorjahr ebenfalls nicht unmittelbar besorgniserregend.

Geldpolitik nicht unter Zugzwang

Unterm Strich ist damit zu rechnen, dass die um Energie und Nahrungsmittel bereinigte Kerninflationsrate im Laufe des Jahres steigen und aller Voraussicht nach ein Niveau von mindestens 2,5 Prozent erreichen wird. Daraus lässt sich allerdings keine zwingende Notwendigkeit für eine deutliche Straffung der Geldpolitik ableiten, die über das bislang angekündigte Maß hinausgeht. Wenn die Fed unter ihrem neuen Chairman Powell keinen generellen Kurswechsel vollzieht – und derzeit deutet nichts auf diese Möglichkeit hin – wird sie also im Laufe des Jahres wie angekündigt drei weitere Zinserhöhungen vornehmen. Der Realzins wird am Ende des Jahres also wahrscheinlich immer noch negativ sein. Ernsthafte Befürchtungen, dass steigende Inflationsraten und eine drastisch verschärfte Geldpolitik die Konjunktur abwürgen könnten, sind derzeit also nicht angebracht.

Marktommentar von Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt FERI Gruppe