Keine Trendwende an den Aktienmärkten

Christian Heger, Chief Investment Officer HSBC Global Asset Management / Foto: © HSBC

KORREKTURPOTENZIAL: Die Absage der Franzosen an Marine Le Pen stützte die Aktienmärkte. Eine neutrale Positionierung hält Anlegern derzeit Handlungsspielräume offen.

Der Wahlsieg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen hat die
Aktienmärkte weltweit nochmals beflügelt. Der Höhenflug, der vor fast sechs Monaten begann, lässt eine alte Börsenweisheit aktueller denn je erscheinen: Sell in May and go away.

Konjunktur überrascht positiv
Die Konjunkturzahlen geben zunächst wenig Anlass für diese Handlungsanweisung. Immerhin konnten zahlreiche Länder wieder mit positiven Zahlen überraschen. So erreichten die Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone ein neues 6-Jahres-Hoch. China wies im 1. Quartal mit 6,9 % ein unerwartet robustes Wachstum auf. In den USA stieg die Stimmung der Industrie nach einem durchwachsenen 1. Quartal zuletzt spürbar. Die Aneinanderreihung positiver Konjunkturdaten spiegelt sich auch in den Prognosen wider. Zuletzt hob der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Erwartung an. Seiner Frühjahrsprognose zufolge traut der IWF der Weltwirtschaft ein Wachstum von 3,5 statt bisher 3,4 % zu. Was sich nicht beeindruckend anhört, ist dennoch bemerkenswert: Immerhin musste der IWF seit der Finanzkrise seine optimistischen Prognosen meist nach unten anpassen statt nach oben. Allerdings wird die Luft für positive Überraschungen bei der Weltkonjunktur dünner. Weder von der Geld- noch von der Fiskalpolitik sind kurzfristig größere Impulse erkennbar. Die möglichen Steuersenkungen in den USA dürften noch einige Hürden zu überwinden und erst 2018 die Chance auf positive Entfaltung haben. Auch der Aufschwung der Rohstoffpreise hat an Momentum verloren. Ebenso dürften auf der Zinsseite positive Nachrichten kaum noch zu finden sein. Mittlerweile hat sich bei den meisten Marktteilnehmern die Erkenntnis durchgesetzt, dass der starke Preisauftrieb zu Jahresbeginn vor allem auf die basisbedingt höheren Rohstoffpreise zurückgeht. Ohne eine unwahrscheinliche Lohn-Preis-Spirale dürfte die Inflation in den meisten Industrieländern nach wie vor allenfalls die von den Notenbanken angestrebte Zielmarke von rund 2 % erreichen. Die Notwendigkeit schneller Zinserhöhungen entfällt daher, der Ausstieg aus der ungewöhnlich expansiven Geldpolitik der letzten Jahre jedoch keinesfalls. Die US-Zentralbank Fed dürfte im laufenden Jahr daher noch zwei Zinserhöhungsschritte beschließen. In Euroland könnten ab Juni neue Ankündigungen der Notenbanker zur Rückführung des Anleiheaufkaufprogramms bevorstehen.

Europa und Japan übergewichtet
Insgesamt dürfte den Kapitalmärkten das positive Umfeld guter Konjunktur und historisch niedriger Zinsen noch einige Zeit erhalten bleiben. Für eine generelle Trendwende an den Aktienmärkten fehlen die Anzeichen. Auf dem deutlich gestiegenen Kursniveau ist das Risiko kurzfristiger Enttäuschungen allerdings gewachsen. Anleger sollten daher den alten Börsenspruch „Sell in May“ nutzen, um übergewichtete Aktienpositionen abzubauen. Wir halten eine neutrale Positionierung gegenwärtig für ausreichend. Einerseits bleibt eine Teilnahme an dem langfristig intakten Aufwärtstrend möglich. Andererseits bringt eine Korrektur Spielraum für Zukäufe mit sich. An der Übergewichtung von Europa und Japan
zu Lasten der USA halten wir ebenfalls fest.

Kommentar von Christian Heger,
Chief Investment Officer bei HSBC Global Asset Management (Deutschland)