Alles nur eine Frage des Willens?

Jörg Weitz (li) und Ralf China (re) / Foto: © 3FACH ANDERS / Ralf China

Ist unser Handeln durch die natürlichen Beweggründe unseres Autopiloten bereits ausreichend motiviert, brauchen wir keine zusätzliche Willensanstrengung. Die Willenskraft kommt dann ins Spiel, wenn wir etwas tun sollen, das unserer Motivation widerspricht. Häufig wird behauptet, dass wir unsere Willenskraft wie einen Muskel trainieren können und es nur auf die Kraft des Willens ankäme. Ein gewisser Grad an Willenskraft und Durchhaltevermögen ist sicherlich hilfreich, aber auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift! Willenskraft wird gnadenlos überschätzt! Die Fähigkeit, sich selbst zu überlisten, gegen die eigenen Bedürfnisse anzukämpfen und sich künstlich zu motivieren, kann immer nur die zweitbeste Lösung sein. Deshalb ist auch hier eine professionelle Selbstkenntnis unerlässlich.

Eigentlich einleuchtend, oder? Wenn Sie mit Ihren natürlichen Motiven arbeiten, statt gegen sie, steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit immens, und Sie brauchen viel weniger Disziplin, Energie und Aufwand zur Zielerreichung. Gleichzeitig erfahren Sie durch Ihr Handeln Bestätigung und gewinnen sogar neue Energie. Sie haben weniger Stress, werden nicht von unangenehmen Gefühlen ausgebremst und haben keine kognitiven Dissonanzen zu bewältigen, weil das, was Sie wollen, mit dem, was Sie tun, weitgehend übereinstimmt. Professor Hugo M. Kehr von der TU München führt dazu aus, wie wichtig es ist, die eigenen unbewussten Motive einschätzen zu lernen. Umso besser würden wir verstehen, was uns antreibt – oder eben hemmt. „Ziele und Lebenspläne“, so Kehr, könnten wir dann „so ausrichten, dass sie vorwiegend mit den eigenen Motiven übereinstimmen. So wären weniger innere Widerstände zu befürchten, die Realisierung von Projekten fiele leichter und man würde sich auch besser dabei fühlen.

Wenn wir Ziele verfolgen, die nicht zu uns passen und uns daher andauernd eine hohe Anpassungsbereitschaft (Willenskraft) abverlangen, steigt das Risiko für einen Misserfolg. Je mehr wir in einer derartigen Situation die Zähne zusammenbeißen, je mehr Willenskraft wir mobilisieren, desto größer ist das Risiko, dass wir uns langfristig schaden. Wenn es uns über lange Zeit gelingt, mit außerordentlicher Willenskraft unsere natürlichen Motive zu unterdrücken, wächst die Gefahr, dass wir immer mehr die Verbindung zu unseren eigentlichen Bedürfnissen verlieren – und das ist eine der Ursachen für die steigende Zahl psychischer Erkrankungen wie Depression oder Burnout. Überkontrolle im Sinne eines Zuviel an Selbstkontrolle birgt also diverse Risiken. Als Folge davon schneiden Überkontrollierer, was ihre Leistung betrifft, häufig schlechter ab als Menschen, die es besser verstehen, den „Spaßfaktor“ einzusetzen und sich die Leichtigkeit beim Handeln zu erhalten.

Falsche Ziele sind häufig der Einstieg in eine Misserfolgsspirale, die unseren Selbstwert durch fortgesetzte Misserfolgserlebnisse systematisch untergräbt! Deshalb geht es nicht darum, fremden Effizienzmaßstäben und Ego-Zielen nachzujagen. Stattdessen gilt es, unsere individuellen Ziele so zu wählen, dass sie optimal zu unseren eigenen Motiven und Bedürfnissen passen; denn dann können wir sie mit möglichst wenig Willensstärke erreichen.

In der Kolumne von Jörg Weitz und Ralf China dreht sich alles um den dauerhaften Erfolg von Beratern und Vermittlern. Dabei bilden die kölnische Frohnatur Jörg Weitz, selbst jahrelang in der Finanzberatung aktiv und ein echter Menschenflüsterer, und der zugezogene Nordhesse Ralf China, der sich eher durch eine protestantische Arbeitsethik auszeichnet und mehrere Jahre als Unternehmensberater aktiv war, ein spannendes Gespann. Im Mittelpunkt stehen hier An- und Einsichten jenseits der gängigen Patentrezepte.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: „Sei du selbst, sonst geht’s dir dreckig! warum Erfolg nicht Patentrezepten, sondern nur individuell machbar ist“ von Ralf China und Juergen Schoemen.