Abwarten und Tee trinken

Guido vom Schemm, Geschäftsführer GVS Financial Solutions GmbH / Foto: © GVS

Türkei, Frankreich und Großbritannien. Dies sind nur drei Schlaglichter, die die Börsianer derzeit bewegen. Wie geht es nun weiter? Guido vom Schemm, Geschäftsführer GVS Financial Solutions GmbH, verortet die Geschehnisse auf dem europäischen Kontinent.

Auf politischer Ebene überschlagen sich derzeit die Ereignisse in Europa. Am Wochenende konnte sich der türkische Präsident Erdogan beim Referendum durchsetzen, am Dienstag kündigte Großbritanniens Premierministerin May Neuwahlen für den Juni an und am kommenden Wochenende findet in Frankreich der erste Wahlgang zur Präsidentschaftswahl statt. Diese Ereignisse haben natürlich Auswirkungen auf die Börsen. Zahlreiche verunsicherte Anleger stellen sich die Frage, wie sie sich positionieren sollen.

Nach dem Sieg Erdogans können die Börsenturbulenzen erst so richtig losgehen. Die Anfechtung des knappen Wahlergebnisses durch die Opposition und die mögliche Einführung der Todesstrafe dürften die Stimmung anheizen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Türkei zukünftig gegenüber den westlichen Verbündeten verhält. Wirtschaftlich sieht es am Bosporus schlecht aus. Die Wachstumsprognose der Weltbank wurde auf 2,7 % gesenkt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 13 % und die wichtige Tourismusbranche ist eingebrochen. Außerdem schwächelt die türkische Lira. Die Landeswährung hat wegen der politischen Krise und den Terroranschlägen binnen eines Jahres 30 % gegenüber dem US-Dollar abgewertet.

Überraschend kündigte Theresa May Neuwahlen in Großbritannien an. Ihr Ziel ist ein stärkerer Rückhalt und somit eine bessere Position in der Brexit-Verhandlung mit der EU. May will eine eigene Mehrheit im Unterhaus erzielen. Die Chancen stehen gut, denn aktuelle Umfragen deuten auf einen klaren Sieg hin. In Befragungen liegen die Tories bei 45 %, Labour kommt nur auf 24 %. Durch eine gestärkte Position würde sie die EU unter Druck setzen, dies wird nur zu weiteren Komplikationen in der Politik und an den europäischen Börsen führen.

Die kurzfristig wohl spannendste Entscheidung steht in Frankreich an. Am 23. April findet der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahlen an. Die Mainstreammedien verkünden zwar fleißig, dass Le Pen deutlich an Zuspruch verliert und dass ein Einzug in die Stichwahl sogar gefährdet sei. Wo sind die „lessons learned“ aus dem Brexit und der Trumpwahl? Unserer Meinung nach besteht weiterhin die reelle Möglichkeit, dass Le Pen sich durchsetzt und dann mit Ihrer Ankündigung eines Euroaustritts Frankreichs die europäischen Finanzmärkte ins Wanken bringen könnte.

Die große politische Unsicherheit und die Tatsache, dass die europäischen Börsen im ersten Quartal 2017 mehrheitlich gut gelaufen sind, sollten Anleger zum Runterfahren der Aktienquote nutzen. Wer europäische Dividendentitel unbedingt sucht, setzt besser auf die defensiven Sektoren Nahrung, Pharma und Telekom. Sollte wider Erwarten eine neue Zwischenhausse einsetzen, verpassen Anleger zwar einige Prozentpunkte. Doch wer möchte entlang einer Börsenschlucht aktientechnisch Vollgas fahren und einen Totalschaden im Depot riskieren?

Umsichtige Anleger üben sich in Geduld, denn ein politisch bedingter Rücksetzer an europäischen Börsen ermöglicht neue Opportunitäten zum Wiederaufbau der Aktienquote. In diesem Kontext taugt Großbritannien durchaus als Vorbild – Abwarten und Tee trinken.

Kolumne von Guido vom Schemm, Geschäftsführer GVS Financial Solutions GmbH