MEINUNG - Internetauftritte der Finanzvermittler
„Wer kann sich selbst die Haare schneiden? …
© Foto: Fotolia.com… einen Zahn ziehen? … ein Auto reparieren? In der Regel niemand! Es bedarf eines Fachmannes! So auch für die richtige Finanzplanung.“ Die Problematik des Finanzdienstleisters bei seiner Berufsausübung, nachzulesen auf der Homepage eines Vertriebes in diesen Tagen.
Ich kann mich kaum erinnern, wann mir jemals ein Artikel so viel Kopfzerbrechen wie dieser bereitet hat. Dabei hatte ich doch nur vor, die Internetauftritte aller deutschen Finanzvermittler (Vertriebe) mir daraufhin anzuschauen, wie sie in Zeiten der größten Vertrauenskrise, die die Geld- und Kapitalanlagebrache derzeit erlebt, argumentieren, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Ich habe mir 474 Online-Auftritte angesehen und etwa 4.000 Seiten-Ausdrucke gelesen. Es war eine Strafarbeit, leider ohne positives Ergebnis. Die deutschen Vertriebe repräsentieren sich durch die Bank weg mit völlig ungenügenden Internetauftritten. Das gilt für Layouts, Inhalte, Fotos, Aufbau. Über ein Dutzend meiner Artikelentwürfe landeten im Papierkorb, weil ich mich immer wieder dabei ertappte, meiner Kritik freien Lauf zu lassen.
Liebe Vertriebe draußen, meine Kommentare wollte ich Ihnen dann aber doch nicht zumuten. Ich weiß und habe es auch festgestellt, dass Sie sich alle Mühe gegeben haben. Sie wollten alles, was Sie sind und ausmacht, möglichst modern und lückenlos rüberbringen. Der Wille war da, die Absicht spürbar, aber die Umsetzung eine Katastrophe. Keiner, in Worten nicht ein Auftritt von Vertrieben ist gut oder sehr gut zu beurteilen. Er erfüllt deshalb nicht seinen Zweck. Ein paar Text-Stilblüten, das kann ich mir nicht verkneifen, habe ich im Anhang zusammengestellt.
Was flächendeckend zu kritisieren ist, ist Folgendes: Ein Online-Auftritt richtet sich nicht nur auf einen Leser, den Besucher, aus. Loggt sich jemand ein, ist er Vermittler, Kunde, Wettbewerber, Produktpartner mit ganz individuellen Fragen. Jeder Besucher sucht etwas anderes. Deshalb gilt als Nr. 1-Postulat: Jeder Besucher muss zu seinem (reinen) Informationswunsch direkt hingeführt werden.
Die Zeit des Besuchers ist kostbar. Damit ist sparsam umzugehen. Da die angebotenen Texte zu über 90 % in einer Schriftgröße präsentiert werden, die der Körperverletzung nahekommt, geht beim User auch viel Zeit verloren. Die Schriftfarben, oft Pastell auf Pastell, stören, dienen nicht der Klarheit, erzeugen Ärger. Fotos sind meist eine Katastrophe. Abgebildet wird meist das Wichtigste, was das Unternehmen hat: Die Mitarbeiter, die des Besuchers Anliegen in die Tat umsetzen sollen. Das ist eine Zumutung für die abgebildeten Kollegen, aber erst recht für den Betrachter, wenn die Bilder schlechte Qualität haben oder zu klein sind. Der Gipfel aber: Ein Leerfeld mit nur einer Bildunterschrift. Text: „Fotos derzeit nicht verfügbar“. Dazu sage ich mal nichts.
Ich könnte Seiten mit herben Kritikpunkten füllen, aber Häme will ich nicht ausschütten. Mein Aufruf an Sie alle: Sofort alles überarbeiten, was Sie online publiziert haben. Lassen Sie Experten für Textinhalt und Layout ran. Sie wollen Vertrauen mit Ihrem Internetauftritt generieren. Jeder der Betroffenen behauptet, Profi zu sein. Aber ein amateurhafter Online-Auftritt zerhaut dieses Wunsch-Image blitzschnell und komplett. Beim ersten Blick bereits.
So weit meine Ergebnis-Interpretationen dieser Recherche. Um aber
wieder gute Laune bei Ihnen, liebe Leser, zu erzeugen, komme ich
jetzt zu den Ratschlägen.
Gefühl und Wellenschlag helfen beim Aufbau eines Internetauftritts nicht weiter. Der Auftritt ist das Aushängeschild eines Unternehmens. Der erste Blick nach einem Gespräch mit einem Mitarbeiter, einem Kunden, einem Geschäftsfreund, geht heute ins Internet, auf die Website des Unternehmens. Wir haben vier erfahrene IT-Unternehmen und einen Fachanwalt befragt, wie ein Finanzdienstleister im Web auftreten soll. Hier die Antworten:
… über die allgemeinen Regeln
„Einer der ersten Fehler, der begangen wird, ist der Verzicht auf professionelle Unterstützung oder Beratung. Viele Internetauftritte werden auch heute noch von ‘einem Bekannten eines Bekannten’ gestaltet und umgesetzt. Heute ist das für kommerziell tätige Unternehmen nicht mehr tragbar. Ergebnis ist oft eine altertümlich anmutende Präsenz im Internet, die nicht die Kernkompetenzen und Vorteile des Unternehmens präsentiert, sondern abschreckt und das Unternehmen in ein falsches Licht rückt. Dies wird durch mangelnde Aktualität noch unterstrichen. Webseiten, die als „News“ ein Ereignis von vor einem Jahr präsentieren, werden nicht ernst genommen. Wer über das Internet gefunden werden will, sollte dann noch darauf achten, dass die Internetseite in den gängigen Suchmaschinen wie Google oder Yahoo mit den richtigen Stichwörtern möglichst weit vorne im Suchergebnis gelistet wird“, sagt eviatec.
„Es gibt Finanzdienstleister, die sich im Web verkaufen, als gelte es, die bereits gedruckten Hochglanz-Broschüren, Folder und Infoblätter nur noch einmal online als PDF einzustellen. Keine Frage – Seriösität erwartet der Kunde auch hier, mit Versprechungen und bunten Bildchen allein wird man sein Produkt nicht verkaufen“, sagt Bishop.
… zu den Inhalten
„Zu jedem Finanzprodukt gibt es sehr viel komplizierte Informationen. Es ist wichtig, die Menge an Informationen so zur Verfügung zu stellen, dass die doch sehr heterogen zusammengesetzte Zielgruppe das jeweils Passende findet. Aus unserer Sicht hat sich eine Aufteilung der Informationen in verschiedenen Detailtiefen bewährt. Videos, Power Point Präsentationen, relevante Unterlagen und ansprechende und übersichtliche Vergleichslisten geben dem Nutzer den Überblick, den er erwartet, und verdichten die Menge der Informationen auf eine Weise, die den optimalen Nutzen für den Besucher bringt“, sagt BIT IT.
„Für die inhaltliche Gestaltung sollte im Vordergrund stehen, welche Informationen für den Besucher der Internetseite relevant sind. Hierzu müssen sämtliche Inhalte in Ebenen nach Interessengruppen (Kunden, Jobinteressenten, Shareholder, Mitarbeiter, …) und Abfragehäufigkeit unterteilt und gewichtet werden. Wichtig ist es, die Anforderungen für die Art des Auftritts genau zu eruieren und abzugrenzen. Soll hierüber nur eine Produkt-/ Dienstleistungs- und Firmendarstellung stattfinden oder auch der aktive Vertrieb unterstützt werden? Eine gute inhaltliche Struktur zeichnet sich dadurch aus, dass der Besucher sämtliche Informationen mit wenigen Klicks erreicht. Gerade im Vertrieb von Dienstleistungen ist es wichtig, immer die nutzenstiftende Wirkung für den Kunden im Auge zu behalten. Deshalb sollte ein schneller Kontakt durch serviceorientierte Dialogelemente zum Vertriebsunternehmen gewährleistet sein, wie z. B. die Darstellung der Kontaktinformationen, Mailformular etc. an prominenter Stelle“, sagt IT-P.
… zu den Inhalten des Auftritts
„Webportale sind keine Schaufenster. Sie leben von ihrer Interaktivität. Der Nutzer erwartet neben aktuellen Informationen einen einheitlichen Zugang zu allen angebotenen Tools. Hierbei sollte der Nutzer nicht mit technischen Hürden beim Wechsel zwischen Vergleichsrechnern für Versicherungen und Portfolio-Optimierung-Werkzeugen konfrontiert werden. Produktvergleich-Tools, DemoPortfolio und Soll-Ist-Vergleiche sind die Werkzeuge, die ein Vertrieb seinen Beratern bieten sollte. Die Möglichkeit, diese Tools zu verwalten, mit den internen Datenbeständen zu füttern – diese Daten mit den Informationen verschiedenster Content-Lieferanten zu erweitern und die Menge an Informationen zu veredeln – ist eine technische Herausforderung für sich“, sagt BIT.
„Aus allgemeiner Sicht muss eine gute Vertriebs-Internetseite unter werblichen Aspekten natürlich ansprechend aussehen, wobei hier die Marketingziele und die Corporate Identity eindeutig primär berücksichtigt werden müssen“, sagt IT-P.
… zu den rechtlichen Anforderungen an Homepages nach dem Telemediengesetz (TMG)
Hierzu Rechtsanwalt Florian Kelm:
„Zunächst muss der vollständige Name samt ladungsfähiger Postanschrift angegeben werden. Ist der Anbieter im Handelsregister eingetragen, muss die offizielle im Handelsregister eingetragene Firmierung verwendet werden.
Bei juristischen Personen und Personengesellschaften müssen der Name des Vertretungsberechtigten und die Rechtsform genannt werden. Juristische Personen und Personengesellschaften sind verpflichtet, als Anschrift den Sitz der Gesellschaft bekannt zu geben. Besteht eine Eintragung in einem Register (insbesondere Handelsregister), muss das Register, bei dem die Eintragung besteht, namentlich genannt und die entsprechende Registernummer angegeben werden.
Das Gesetz verlangt auch die Mitteilung einer E-Mail-Adresse sowie einer weiteren effektiven Möglichkeit für eine unmittelbare Kontaktaufnahme (z. B. Telefon- oder Telefaxnummer).
Außerdem ist die Umsatzsteueridentifikationsnummer, sofern vorhanden, anzugeben.
Ist die unternehmerische Tätigkeit, die auf der Homepage präsentiert wird, erlaubnispflichtig und von einer behördlichen Zulassung abhängig, so müssen Angaben zur zuständigen Aufsichtsbehörde aufgenommen werden.“
Die Experten
Florian Kelm ist Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht aus der Kanzlei Zacher & Partner, Köln.
Ausführungen von RA Florian Kelm
BIT IT Service GmbH aus Neuwied ist eine IT-Agentur mit dem Schwerpunkt datenbankbasierte Webanwendungen für Finanzdienstleister.
Ausführungen der BIT IT Service GmbH
eviatec Systems AG aus Ludwigsburg bietet ihren Kunden die Konzeption, Planung, Wartung und den Betrieb von IT-Systemen und IT-Infrastruktur an.
Ausführungen der eviatec System AG
Bishop Productions GmbH aus Hamburg hat sich auf audio-visuelle Produktionen für das Internet spezialisiert.
Ausführungen der Bishop Productions GmbH
IT-P GmbH aus Hannover unterstützt ihre Kunden bei IT-Projekten von der Planung über die Realisierung bis zur anschließenden Wartung.
Text-Stilblüten von Vertriebshomepages
(Dieter E. Jansen, Recherche: Kim Brodtmann)







